Keine Ende mit #Böhmermann

Keiner hat es bisher so gut auf den Punkt gebracht wie Oliver Kalkhofe  bzw, mit keiner Meinung stimme ich so sehr überein:

Es gibt im Netz doch einige Leute, die wirklich die gesamte Affäre auf eine mögliche Interpretation des vorgetragenen Gedichtes zu reduzieren.

Im Wesentlichen denke ich, dass der Kern des Auftritts von Böhmermann war:

  1. Es wurde der Extra3-Beitrag aufgegriffen, der mit Kritik und Vorurteilen nicht sparsam war und den Herrscher Erdogan ins Lächerliche zog.
  2. Es wurde der Rassismus und Selbstherrlichkeit der deutschen Gesellschaft kritisiert, in dem bewusst eine Grenze überschritten. Damit wurde bewiesen, dass es mit der Meinungsfreiheit in Deutschland auch nicht weit her ist. Die Grenzen sind beliebig und in jedem Land anders.

Der Wesentliche Fehler von Böhmermann war, dass er durch seine Zielscheibe Erdogan sich selbst zur Zielscheibe machte und somit der Fehlinterpretation Bahn gebrochen wurde.

Viele Menschen können nicht gut um die Ecke denken und so diskutieren viele ernsthaft über die Begriffe und den Inhalt des Gedichts. Der Inhalt des Gedichtes ist aber austauschbar.

Wer dies aber als primäre Diskussion zu etablieren versucht, der täuscht u.a. darüber hinweg, um wen es bei Erdogan eigentlich geht. Und das wir in Europa und der Türkei mit einer Brutalität, Rassismus und scheinbaren Ausweglosigkeit zu kämpfen haben. Wer hier stattdessen das Gedicht von Böhmermann als Hauptkampfort etablieren möchte, der tut dies aus der sicheren Situation in Deutschland heraus. Aus dem Wohlstand heraus eine akademische Debatte um -Ismen, statt um Tote durch türkische Bomben. Wortklauberei statt der Suche nach Lösungen für die Geflüchteten in Idomenie. Das ist eine gefährliche  und abgehobene Arroganz privilegierter Intellektueller, die sich selbst über alle erheben um allen, die ihrer Argumentation nicht folgen alle möglichen Ismen zu unterstellen.

Kann man machen, geht aber an den wahren Problemen vorbei. Und wer glaubt Böhmermann hätte in erster Linie seinem tief verwurzelten Rassismus fröhnen wollen, der führt bewusst in die Irre. Man mag ihm Fehler vorwerfen oder fehlende Sensibilität. Aber das ist angesichts dessen, um was es hier eigentlich geht einfach nur ein Witz!

 

 

Keine Ende mit #Böhmermann

Kommentar Zu #NSUFilm #HeuteIstNichtAlleTage und Reaktionen

Die ARD zeigte den ersten Film zum NSU-Komplex. Im Netz gab es teilweise Kritik, dass der Film romantisch wäre oder zu wenig Antworten oder Kritik liefern würde. Oder das die Sicht der Opfer nicht durchkam.

Aus meiner Sicht ist das Brutalste an Fakten zu Verbrechen nicht unbedingt das Unmenschliche und Fremde und Böse, sondern immer eher die Erkenntnis, dass da auch Menschen unterwegs sind/waren, die nicht in jeder Sekunde böse sind, sondern wo  Schatten ist, ist auch wenigstens ein bisschen Licht. Was das bedeutet ist nämlich auch, dass jeder etwas mit Tätern gemein hat. Also eben diese Anteile mit Hass und Dummheit und Verblendung. Die Mischung entscheidet dann darüber, wie sich der Charakter entwickelt und wie sich Erziehung und Erfahrungen niederschlagen.

Der Film hat u.a. auch ein wenig Atmosphäre der Jugend und Erfahrungswelten der NSU zu zeigen. Im Vorfeld gab es die Kritik, dass der Film zu früh kommen würde. Also noch bevor die NSU vollständig aufgeklärt und der Prozess abgeschlossen ist.

Allerdings können wir heute schon sagen, dass der Prozess wahrscheinlich keine letztendliche Wahrheit bringen wird. Der Film arbeitet auch mit viel Fiktion. Damit werden Lücken geschlossen. Denn es gibt Vieles von dem man nichts weiß.

Es ist zum einen gut, wenn die NSU auch filmisch aufgearbeitet wird, bei all dem Risiko etwas falsch darzustellen, So sehr wie der Staat bei Vertuschungen mitgeholfen hat – und es sieht nach allem anderen aus, als nach einer Vielzahl unglücklicher Entscheidungen – werden wir wohl nie erfahren, was tatsächlich passiert ist.

Filme bieten immer eine Angriffsfläche und sie sind niemals die Wahrheit selbst. Kritik an einem Film kann berechtigt sein, wenn wirklich fundamentale Fehler darin enthalten sind oder er einfach nur schlecht gemacht ist.

Schauspielerisch fand ich den Film am Mittwoch sehr gelungen. Und als Theorie und Inszenierung bietet er die Möglichkeit sich daran zu reiben. Vielleicht war Vieles oder das Meiste auch ganz anders. Aber dann kann man das gerade auch anhand des Films in Zukunft herausarbeiten. Immer nur von Ereignissen zu lesen ist sehr abstrakt und macht Taten wenig greifbar.

Meine Kritik wäre eher: Wenn es drei Filme  gibt mit jeweils der Perspektiven Täter, Opfer, Ermittler, dann fehlt definitiv die Perspektive der Täter im späteren Verlauf.

Der Tag an dem zwei der drei vom NSU-Trio zu Tode kommen scheint für mich der entscheidende Tag, der auch ein Licht auf die Behörden liefert. Was ist da tatsächlich passiert. Es gab da viele Seltsamkeiten rund um das Auffinden des Wohnwagens und den angeblichen Selbstmorden der beiden Uwes. Dort eine Fiktion zu entwickeln über das, was wirklich passiert ist, wäre sehr spannend.

Das ist eben das was Fiktion kann: Wo Fakten zerstört wurden oder es eine Mauer des Schweigens gehen etwas in den Raum zu werfen, das als Theorie konkret hinterfragt werden kann. Und wenn es bildhaft ist, wird es eindringlicher und konkreter.

Vielleicht gibt es doch noch einiges an Überraschungen beim Prozess und vielleicht genug Stoff dafür auch ein Gesamtbild dessen zu liefern, was wahrscheinlich passiert ist.

 

Kommentar Zu #NSUFilm #HeuteIstNichtAlleTage und Reaktionen

#Gamergate Sie lernens wohl nie?

Habe mich zu dem Thema Computerspiele bisher rausgehalten. Aber die neueren Entwicklungen und vor allem ein Kommentar eines Journalisten auf Heise provozieren mich dann doch zu einer Stellungnahme:

Vorausgeschickt – vielleicht schießen manchmal Kritiker von Sexismus im allgemeinen oder in Computerspielen übers Ziel hinaus. Das ändert aber nichts grundsätzlich an der Berechtigtheit und Notwendigkeit der Kritik. Beim Kommentator Martin Fischer wird dieser Punkt umgekehrt betont nach dem Motto „Ok Morddrohungen sind uncool, aber Sexismus-Kritik ist auch uncool. We are even“. So gehts natürlich nicht.

Die Reaktion auf Sexismus-Kritik in Spielen sagt vielleicht viel mehr über die wahren Hintergründe aus, als sie vorgeblichen Ziele („interessantere Spiele“, „interessantere Atmosphäre“,…). Martin Fischers Kommentar hat als provokante Gegenthese: „In Spielen soll man sich austoben dürfen und Spaß haben. Politisch korrekte Spiele braucht kein Mensch

Auf die Provokation antworte ich mal, in dem ich zwischen den Zeile lese und ausspreche, was denn das Gegenteil von „politisch korrekten Spielen“ ist. Im Grunde steht dort, dass in Spiele alles erlaubt sein MUSS, damit es Spaß macht. Damit jeder voll seine Phantasien ausleben kann. Sonst ist es kein gutes Spiel. Nur wenn ein Spiel sexistisch ist und rassistisch, ist es ein gutes Spiel. Spiele in denen keine Frauen vergewaltigt oder Minderheiten gefoltert werden, können keine guten Spiele sein? Und tatsächlich sind vielleicht viele Spiele ein Spiegel der verborgenen Seiten unserer Gesellschaft. Hier darf der brave, spießige Ehemann noch Frauen missbrauchen oder seinen Rassenhass ausleben ohne Angst haben zu müssen dafür bestraft zu werden.

Grundsätzlich stimme ich zu, dass Spiele einen Freiraum darstellen. Dort können ja auch Menschen von Hochhäusern springen und lebend unten ankommen. Die Frage ist aber, ob das ausleben jeder perversen Phantasie oder Gewalt zunächst gleich ein Qualitätsmerkmal eines Spieles ist und etwas, was wir beklatschen und fördern sollten. Und auch, ob Spiele sich jeglicher Kritik entziehen können? Gibt es für den Kommentator Fischer überhaupt Grenzen? Müssen wir es auch begrüssen, wenn die Morde der NSU als Computerspiel nachgespielt werden könnten? Ist ALLES nur Spaß? Oder sind Inhalte von Spielen nicht genau so Inhalte wie die von Filmen, Büchern, Zeitschriften und Artikeln. Alle Inhalte können konsumiert werden, auch wenn  Spiele nicht gradlinig sind, sondern auch abhängig vom Spieler verschiedene Entwicklungen haben können.

„Politisch korrekt“ wären Spiele, in denen jede Figur nur im gegenderten Deutsch spricht. Darum geht es hier aber nicht. Es geht Anita Sarkeesian (@femfreq) im Kern ihrerer Kritik an gängigen Spiele darum, dass sexistisches Verhalten und Denkmuster in Spielen belohnt werden, wohingegen das Gegenteil eher bestraft wird. Frauen werden in Spielen oftmals zu Objekten degradiert. Das Frauen häufiger Opfer von Gewalt sind, sollte jeder wissen. Ursächlich kommt das durch Erziehung und unsere gesellschaftlichen Werte. Es ist nicht so, dass ein Mann, der in einem Spiel eine Frau vergewaltigt, dann im realen Leben unwahrscheinlicher das gleiche tut. Es ist wohl eher so, dass ein bestimmtes Frauenbild, dass in Medien, in der Gesellschaft im allgemeinen und in Spielen dazu anregt Frauen zu missbrauchen. Man kann das dann nicht auf ein einziges Spiel runterbrechen. Und für die Spiele spricht, dass sie auch nur Ausfluss unserer Gesellschaft sind. Aber Anitas Fokus sind eben nun mal weder Filme, noch Bücher, noch das real life, sondern eben Computerspiele.

Und zur Kritik im Allgemeinen: Kritik als solches sollte IMMER möglich sein. Auch wenn man sie nicht teilt. Kritik bei Computerspielen ist ja auch Teil der Szene. Da wird dann die Spielbarkeit und der Realismus kritisiert, die Spannung, die Grafik,… – also was ist so besonderes daran, wenn Menschen andere Kriterien anlegen? Man darf zwar ALLES in Spielen aber was Kritik angeht, wird man plötzlich empfindlich?

Für mich zeigt Fundamentalkritik oder auch Morddrohungen,…. an Kritikerinnen wie Anita besonderes eines:

Das Anita mit ihrerer Kritik oft den Nagel auf den Kopf trifft. Niemand würde sich über Kritik an einem Spiel aufregen, außer jemand hat Angst, außer das die Form und Inhalt der Kritik aus der eigenen Sicht das Ausleben bestimmter innerer Haltungen behindert. Sprich das Wesentliche dieser Spiele ist zu großen Teilen der inhärente Sexismus. Und das meinen die Spieler ernst. DIe Spieleentwickler bedienen den Wunsch vieler männlicher Spieler ihren Hass auf Frauen zu bedienen. Und sie reagieren wie kleine Kinder, denen man ihre Spielzeug wegnehmen will, wenn diese Form nur kritisiert wird.

Es passt einfach nicht zusammen: Wie kann man auf der einen Seite fordern, dass Spiele alles dürfen und gleichzeitig bei Kritik fuchsteufelswild zu werden und wilde Drohungen auszusprechen.

Hätte die Spielerszene mit großer Gelassenheit auf Anitas Kritik reagiert und sachlich dagegen argumentiert, so hätte sie damit demonstriert, dass Anita unrecht gehabt hat. Aber mit ihren Reaktionen zeigen diese Männer (und auch manche Frauen), dass sie zum einen nicht so tolerant sind, wie sie sich geben und dass die Inhalte eben keinesfalls zufällig sind und die sexistische Ausrichtung der Spiele eben wesentliche sind für die Handlung oder eben auch Teil des Zwecks der Spiele – den Sexismus bei Männern zu fördern. Und dazu passt auch insgesamt die männerbündlerischer Reaktion.

Mir geht es gar nicht so sehr darum, dass bestimmte Inhalte verboten werden sollten, sondern viel mehr darum Kritik an Inhalten von Computerspielen  zu verteidigen. Dabei geht es nicht einmal darum, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht. Ich will in einer Gesellschaft leben, in der es möglich ist alles und jeden zu kritisieren und dafür nicht bedroht oder verfolgt zu werden. Wer diesen kleinsten gemeinsamen Nenner nicht einhält tut seinem Hobby einen Bärendienst und man gerät weiter ins Nachgrübeln, welche Bedeutung die kritisierten Inhalte über die Kritik hinausgehen für manchen Spieler/Männer haben.

#Gamergate Sie lernens wohl nie?

#Gauchogate revisited

Interessant wie sich die Diskussion entwickelt. Erstaunlich dabei, was alles ausgeklammert wird.

Primär wäre da der Begriff des Gauchos. Dieser steht im übertragenen Sinne entweder als Abwertung für Argentinier. Also so wie Begriffe wie Kaffer, Kanaken,… Das alleine könnte man schon kritisieren. Darüber hinaus kann Bedeutungen haben wie Vagabunden, Wegelagerer, Banditen, Nichtstuer.

Am nächsten kommt wohl ein Vergleich mit dem Schimpfwort: „Kameltreiber“

Man muss manchmal für die Verdeutlichung einer Sache auch mal kurzfristig annehmen, wie eine Handlung denn aussehen würde in einem anderen Kontext. Also sagen wir mal Deutschland spielt gegen Israel und der Tanz hätte den Titel: „So gehen die Juden“ – Vermutlich würde da der Aufschrei lauter sein und viele werden sagen: „Aber das ist ja etwas ganz anderes!“

Es ist etwas anderes, aufgrund eines historischen Kontextes, aber nur, weil Argentinien nicht zu den angegriffenen Ländern während des zweiten Weltkriegs gezählt hat. Natürlich hätten die Deutschen die Argentinier mit Schimpfwörtern wie „Gaucho“ betitelt und zu vernichten getrachtet. Der geschichtliche Kontext macht eine Sache nicht rassistisch, sondern die Geste tut es.

Es wurden eben nicht gesungen „So gehen die Argentinier“.

Für mich ist die Sache als solche kein großer Aufreger. Es zeigt eben nur all zu deutlich wie normal und alltäglich Rassismus ist. Und auch wie rassistisch eben auch der Fußball ist.

Davon mal ganz abgesehen finde ich es für einen Fußball-Weltmeister einfach auch vollkommen unwürdig und schlechten Stil auf e einem Verlierer rumzutrampeln. Wo sich doch die Argentinier selbst als wunderbare und tolerante Verlierer gezeigt haben.

Ich habe mich einfach mal wieder nur geschämt so einer Nation anzugehören. Und dass das vielfach gar nicht reflektiert oder gar gutgeheissen wird lässt noch tiefer blicken. Es ist nicht der eine Tanz oder die eine Verfehlung, die bedenklich ist, sondern wie damit umgegangen wird. Einfach nur peinlich.

Sie haben damit vielem geschadet, aber auch auf der anderen Seite das wahre Gesicht dieses Sports gezeigt. Es ist eben doch wahrscheinlich nichts anderes als unterdrückter Hass, der da ausagiert wird auf dem Feld und auf den Rängen.

 

 

#Gauchogate revisited

Noch mal zu #Blackfacing

Die Debatte auf Twitter zu dem ZDF-Auftritt hatte ich damals nicht direkt verfolgt. Aber durch einen aktuellen Hinweis auf diesen Artikel auch noch mal diesen gelesen (sciencefiles.org). Dazu ein paar Sachen die mir auffielen:

Der Blog scheint den Eindruck erwecken zu wollen, dass er wissenschaftlich sei. Es fängt aber schon mit dem Titel an „Antirassisten sind die wahren Rassisten“. Was selbst bereits schon ein Klassiker des Rassismus ist – nämlich quasi nahe zu legen, dass es so etwas wie Rassismus gar nicht gibt, sondern lediglich diejenigen, die Rassismus kritisieren zu Rassisten werden, die es ja eigentlich gar nicht gibt.

Zunächst einmal gehe ich das Ganze nicht von einem akademischen Standpunkt aus an. Mir gehts auch nicht um political correctness als Selbstzweck. In den komplexen Debatten dazu bin ich nicht belesen. Das ist also nur mehr meine Meinung auf Basis dessen, was ich mir selber überlegt und angelesen habe.

Ich würde immer stark zwischen „Rassisten“ und „Rassismus /Rassismen“ unterscheiden. Für mich ist ein Rassist jemand, der von Kopf bis Fuß rassistisch denkt. Davon gibt es nicht so viel Prozent. Nicht einmal jeder NPD-Wähler fällt unter diese Definition. Rassismus aber als solches, bzw. Rassismen sind alltäglich.  Für mich bedeutet es primär eine Unsensibilität gegenüber Menschen, die man früher einer bestimmten Rasse zugeordnet hat. Rassismus hat viel mit der eigenen Erziehung zutun und der Sozialisation. Als Kind können wir lernen, was richtig ist und was falsch. Wir lernen auf unser Umfeld Rücksicht zu nehmen. Das fatale dabei ist, dass alles, was nicht in unserem Umfeld ist, nicht in diesen Lernprozeß eingeschlossen ist. Auch unser Verständnis für andere Kulturen hängt davon ab. Meine eigene Generation (Jahrgang 1971) ist z.b. mit türkischstämmigen Migrant*innenkindern bereits zur Grundschule gegangen. Bei der Generation meiner Eltern war das anders. Dazu kommt natürlich auch ein gewisser Zeitgeist und eventuell lokale weitere lokale Eigenheiten, die einen prägen. Nach meiner Definition wäre es aber auch undenkbar, dass es jemanden gibt, der überhaupt nicht rassistisch ist. Zumindest nicht in diesem Jahrhundert. Wir alle sind von den Bedingungen geprägt. In unserem Denken setzen bestimmte Vorurteile unwillkürlich ein, sobald wir anfangen zu denken. Entscheidend ist aber, wie wir damit umgehen und wie wir uns verhalten. Wir können ein bestimmtes Denken überwinden, wenn uns bewusst wird, dass es rassistisch ist und wir können uns anders verhalten. Das hat etwas mit Respekt gegenüber allen Mitmenschen zutun. Aber weiter im Text:

Moralapostel gibt es in Deutschland vornehmlich in der Form von Gutmenschen, die ihr Leben damit bestreiten, Defizite bei Dritten zu entdecken und diese Dritten dann mit dem richtigen Glauben zu missionieren.

Spätestens hier hört es mit dem wissenschaftlichen Anspruch auf. Zwar gibt es auf dem Blog eine eigene Definition von“ Gutmenschen“, diese ist aber ziemlich eigen. Ich beziehe mich da eher auf die Begründung der Jury für das Unwort des Jahres 2012:

„Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationaler Diskussion gehören. Der Ausdruck wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende verstärkt entfaltet.“

Der Text bei Sciencefiles.org  fährt denn auch fort mit verschiedenen plumpen Vorurteilen gegenüber allen, die sich gegen Alltagsrassismus einsetzen (ach ja und auch noch gleich Feminismus in den selben Topf geworfen).

Noch ein Satz „Nicht so die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V., von der ich mir nicht so sicher bin, ob sie für oder gegen schwarze Menschen in Deutschland agitiert.“ . Dazu denke ich: Ja klar, wer könnte eine Organisation von nichtweißen Deutschen besser klassifizieren, als irgendein männlicher, deutscher Weißer. Vermutlich glaubt Herr Klein von sich selbst auch der wahre Fürsprecher für Schwarze zu sein, weil er ja viel qualifizierter ist als ein beliebiger Afrodeutscher?

Im weiteren setzt sich der Text überhaupt nicht mit irgendwelchen Argumenten auseinander, sondern mit der Erfindung eines Argumentes, dass niemand der Kritiker*innen in den Raum gestellt hat, außer der Blogautor selbst: „Der ganze Vorwurf des Rassismus basiert auf der Annahme, dass weiße Komödianten Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts allesamt rassistische Schweine waren, die sich das Gesicht schwarz angemalt haben, um Schwarze zu diffamieren.

Das wird auch als „Strohmann-Argumentation“ bezeichnet („Bei einem Strohmann-Argument wird ein Streitgespräch fingiert, in dem eigenen Argumenten angebliche Argumente der Gegenseite gegenübergestellt werden“). Wir finden hier den grundsätzlichen Fehler wieder, nämlich Rassismen und Rassisten gleichzusetzen.

Blackfacing findet man auch in dem Film „The Jazz Singer“ (der erste populäre Tonfilm). War Al Jolson ein Rassist? Ich denke nicht, wenn man die Zeit berücksichtigt: „In an era when African Americans did not have to go looking for enemies, Jolson was perceived a friend„. So sei denn das Argument, dass aber auch niemand außer dem Autor des Artikels so formulierte. Eine rassistische Praxis und Rassist ist eben nicht das Gleiche.

Sehr empfehlen kann ich da auch den Film „Bamboozled“ von Spike Lee, der quasi die Frage aufgreift, was passieren würde, wenn Blackfacing und der damit verbundene Rassismus durch das Fernsehen in einer Show wieder populär gemacht würde:

Was das Blackfacing in Deutschland angeht, so würde ich sagen, dass Medienverantwortliche mittlerweile wissen sollten, was sie tun, wenn sie so etwas ins Programm setzen. Sicher ist lediglich die Sensibilität gestiegen – denn Blackfacing als solches, als Stereotyp kann nur im Wesentlichend as sein, was es immer war. Der Kontext macht den Unterschied. Insofern ist Die Saalwette bei Wetten Dass heute auf eine Art schlimmer als die Minstrel Shows von damals. Weil wir ein ganz anderes Problembewußtsein voraussetzen können. Ebenso wie bei der Kieler Woche die Indianer-Inszenierung für Kinder. Mangelndes Problembewußtsein schützt leider nicht vor Rassismen. Im Gegenteil. Ich bin auch dagegen immer gleich mit dem Holzhammer zuzuschlagen, wenn man so etwas entdeckt, aber man sollte es thematisieren. nur so kann sich langfristig etwas ändern. Letztendlich ist die schulische Bildung in Deutschland heutzutage auch rassistisch weil eurozentristisch. Man lernt zwar doppelt und dreifach alles über die Griechen, das römische Reich, die europäischen Reiche, aber oft immer noch gar nichts über andere Kontinente. Die tauchen thematisch oft erst auf, wenn sie kolonialisiert werden. Mangelndes Verständnis aber für andere Kulturen ist einer der Ursprünge für Rassismus.

Noch mal zu #Blackfacing

#Gezipark : Was ist so besonderes daran? #occupygezi

Ich verfolge die Nachrichten zu Istanbul nur oberflächlich. Oft wird die türkische Polizei als brutal geschildert und die türkische Regierung als undemokratisch, weil sie Grundrechte nicht zugestehe, also:

 

  • Es würden sogar Wasserwerfer gegen Demonstranten in Einsatz kommen
  • Versammlungsrecht wäre ja wohl ein Grundrecht, so was dürfe man ja nie verletzen
  • Erdogan wolle nicht mit den Demonstranten verhandeln

Das wir uns nicht missverstehen: Die Sache in der Türkei finde ich sehr sympathisch, was mich allerdings wundert ist:

  • Die durchweg positive Berichterstattung deutscher Medien, die die Demonstranten nicht als Chaoten beschimpft oder gar nicht über sie berichten würde.

Ich meine damit natürlich, dass noch in jüngster Zeit bei Veranstaltungen wie Blockupy, M31, Heiligendamm alles zum Einsatz kam, was die Polizei so auffahren konnte. Es ist doch nicht so, als wenn es hier ein freies Versammlungsrecht geben würde – oder das es Wasserwerfer nur in der Türkei gibt. Ich finde die Berichterstattung inzwischen massiv verzerrend und rassistisch, wenn ein türkischer Schlagstock IMMER schreiendes Unrecht ist („Die bösen Türken?“), während man in Deutschland jeden Polizeibericht glaubt und sich natürlich die Polizei nur mit sanften Methoden gegen die bösen Chaoten wehrt. Ich kann da nur noch lachen und den Kopf schütteln bei dieser massiven Propagandashow.

Stuttgart 21 war ja ein ähnlicher Fall. Ich bin mir auch sicher, dass die Polizei in der Türkei vielfach brutaler vorgeht – aber unter dem Strich sehe ich keine wesentlichen Unterschiede in der Tolerierung friedlicher Besetzungen oder Proteste. Istanbul ist überall!

#Gezipark : Was ist so besonderes daran? #occupygezi

Behörden wissen nicht, was Rechtsradikalismus ist?

Es scheint so zu sein, als wenn es zwei Möglichkeiten gibt:

 

  1. Entweder wissen die Behörden wissen nicht, was Rechtsradikalismus ist oder
  2. Sie wollen es nicht wissen

 

Wenn es eine Lehre gibt, die man aus der NSU ziehen kann, so ist es die, dass die NSU sich aus einem rechtsradikalen Umfeld gebildet hat. Worüber die NSU hinwegtäuscht ist die Tatsache, das rechtsradikale Gewalt nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Wenn Herr Friedrich sagt:

Der Innenminister hatte betont, er glaube nicht an eine Wiederholung der NSU-Taten: „Nachahmer, die wahllos Leute erschießen und davon nichts verlautbaren, erwarte ich nicht. Aber dass es im rechtsextremistischen Milieu immer wieder fließende Übergänge zu terroristischen Strömungen geben kann, halte ich für möglich.“

so verschließt er die Augen vor hunderten von Attentaten und Übergriffen, die insbesondere seit den 90er Jahren die Republik plagen und prägen. So sehr, wie man im linksradikalen Milieu bemüht ist, die Nadel im Heuhaufen zu finden – irgendeinen Hinweis auf gewaltbereite Linke – so sehr bemüht man sich wegzuschauen bei dem was täglich passiert. Da werden Zahlen bewußt uminterpretiert, bloß damit Gewaltakte nicht als Rechtsradikal gewertet werden können. Die Vertuschung ist nicht die Ausnahme, sondern Regierungsprogramm. Von den Kommunen bis hinaus zur Bundeskanzlerin. Die NSU bedeutete, dass man über einige Taten nicht mehr ganz hinwegschauen kann. Wobei auffällig ist, dass man inzwischen mehr bemüht ist, der Aufklärung dessen, was passierte die Schuld zuzuweisen und Geheimdienste und Polizei reinzuwaschen.

110, wahrscheinlich viel mehr Rechtsradikale im Untergrund – und niemand war vorher der Überzeugung, es wäre wert uns das mitzuteilen. Das für sich genommen ist schon ein Skandal – ohne NSU. Der Auftritt von Klaus-Dieter Fritsche hat bewiesen, warum der Verfassungsschutz zerschlagen werden muss. Er ist weniger Schutz als Bedrohung für die Demokratie. Die Geheimdienste sind den PolitikerInnen längst über den Kopf gewachsen. Man traut sich bereits massenhaft Akten zu vernichten und entschuldigt das ganze mit Angst und Datenschutz. Das muss das erste mal sein, dass Sicherheitsbehörden den Datenschutz für wichtiger nehmen,  als die Strafverfolgung. Die letzten Jahre konnte man immer glauben der Datenschutz zählt für sie gar nichts. Erst wenn Rechtsradikale enttarnt werden, fällt ihnen auf, dass sie hunderte Akten schnell vernichten müssen.  Natürlich, na klar. Für wie blöd hält man uns? Oder sind diese dummen Antworten nur Ausdruck von Arroganz und der Selbstsicherheit, dass Geheimdienste und Rechtsradikale die Republik  bereits fest in der Hand haben?

Behörden wissen nicht, was Rechtsradikalismus ist?