Vom Workload abschalten…

„Vom Workload abschalten…“ So heißt es in einem Video der Freiburger „P.H.A. Entertainment“ als Vorschlag für die Nutzung eines frei stehenden Bahnhofs. (via taz)

Da musste ich mal recherchieren, wie das denn so definiert wird und fand die Antwort auf dieser Seite:

Workload/ Arbeitsaufwand bezeichnet die Anzahl an Stunden, die Studenten während ihres Studiums für bestimmte Studienbereiche aufbringen müssen, um das Studium erfolgreich absolvieren zu können. Mit der Vorgabe des Workloads soll erreicht werden, dass die angegebene Regelstudienzeit überhaupt erfüllt werden kann. Der maximale Workload für ein Semester wurde von der Kultusministerkonferenz auf 900 Arbeitsstunden pro Semester festgelegt. Zum Workload zählen folgende Bereiche: Präsenzstunden die Studenten in der Hochschule verbringen, der Arbeitsaufwand den Studenten durch Vor- und Nachbereitung der Kurse, Prüfungsvorbereitungen und Selbststudium haben, Absolvierung von Praktika und Ausarbeitung von Arbeiten (z.B. Diplomarbeit)

Das bezieht sich also nicht etwas allgemein auf eine Arbeitsbelastung, sondern konkret auf Studierende.

In der Wikipedia findet man zum Bologna-Prozess:

Die Zielvorgabe der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses beträgt, dass Studierenden im Jahr 1.800 Arbeitsstunden für ihr Studium aufzuwenden haben. Diese Arbeitsbelastung ergibt sich daraus, dass Studierende 40 Stunden pro Woche für ihr Studium aufwenden sollen und dies in 45 Wochen das Jahres, d. h. es werden etwa 6 Wochen Urlaub pro Jahr zugestanden, […]

Bei der Berechnung des Workloads wird davon ausgegangen, dass Studierende weder erwerbstätig sind („jobben“ oder als „Werkstudenten“ arbeiten) noch erhebliche Zeitanteile für gesellschaftliches, politisches oder familiäres Engagement aufwenden. Gegenüber früheren Diplom- oder Magisterstudiengängen, in denen lediglich die oft freiwilligen Präsenzzeiten von 20 bis 30 Semesterwochenstunden ausgewiesen wurden, die zum Teil nicht prüfungs- oder endnotenrelevant waren, wurde durch den Bologna-Prozess in vielen Studiengängen die Arbeitsbelastung oder zumindest der Leistungsdruck erhöht.

Das ist natürlich krass, insbesondere wenn Studierende auch schon Kinder haben oder sich mit Nebenjobs ihr Studium finanzieren müssen.

Für mich zeigt sich hier aber auch in dem o.g. Video ein Perspektivwechsel: Statt den Workload zu kritisieren, fordert man sozusagen Ausgleichsflächen, um sich davon in der wenigen Freizeit entspannen zu können.

Aber kein besetzter Bahnhof wird etwas an dem Workload der Studierenden ändern. Gut, dass ist auch nicht Ziel dieser Initiative – aber dennoch spielt der Workload eine Rolle.

Fundamental bedeutet der Workload ja die Verhinderung des Studierens für große Teile der Bevölkerung. 40 Stunden sind einfach zu viel. Ich frage mich, welche konkreten Erfolge man dadurch überhaupt erzielen kann. Da das eine relativ neue Regelung ist, würde das ja bedeuten, dass es vorher gar keine vernünftigen Abschlüsse gab. Also die Generation der Professoren gar nicht in der Lage wäre zu unterrichten? Das ist ja definitiv nicht so.

Was hier stattfindet ist eine extreme Verdichtung, wie auch in der Arbeitswelt. Für Studierende, die nebenbei noch Familie und Arbeit haben bedeutet dass, dass sie vielleicht statt der 40 Stunden eben 60 Stunden arbeiten müssen. 20 Stunden fürs Geld verdienen. Bei zunehmend prekären Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich mit sinkenden Stundenlöhnen winkt hier das Burnout ganz heftig.

Dieser Aspekt ist mir in der vergangenen Studierendenprotesten zu wenig aufgefallen. Da gab es lange Listen an Verbesserungsvorschlägen aus verschiedenen Unis und Vertretungen. Aber eigentlich ist doch der Workload das Hauptproblem?

Im Grunde müssten Studierende knallhart fordern die Verdichtung zurückzunehmen und die Workload auf  höchsten 25 Stunden zu reduzieren. Dann müssen halt Inhalte wegfallen oder als freiwillige Kurse angeboten werden. Das will man aber wohl nicht, weil man die Studienzeiten auch gerne verkürzen will. Weil jeder Studierende an der Uni Geld kostet. Alles ganz marktwirtschaftlich betrachtet.

Aber warum sollte es gerade an den Unis anders sein, als außerhalb der Uni. Die Studierende, die nach der Uni in einem Restaurant jobbt wird dort auf genau die gleiche Arbeitsverdichtung treffen. Diese Logik findet kein Ende, es sei denn man stellt sich ihr entgegen.

Gerade die Krisen weltweit zeigen, was das Rezept der Politik ist: Ausgaben kürzen, Lebensarbeitszeit verlängern. Geld umverteilen. Eine Reform jagt die andere. In der Hoffnung, dass die nächste Reform endlich Ruhe bringt und echte Einsparungen. Aber so wie es aussieht dreht sich damit das Rad nur schneller. Ökonomisierung kann man nämlich immer weiter treiben. Bis die Leute umfallen oder dagegen Aufstehen!

Also wenn ich mir was wünschen dürfte, so dass einige Studierenden sich endlich mal in wenigstens einem Punkt einig werden und diese Verdichtung ablehnen. Und zwar nicht als Strohfeuer und nicht nur dadurch, dass man sich für nach der Uni einige Freiräume erkämpft. Raum gegen Lebenszeit wird auf die Dauer nicht funktionieren. Denn die nächste Reform kommt bestimmt.

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Vom Workload abschalten…

Merkel und Bundesregierung pro oder kontra Forschung?

Ich denke ja, dass Begriffe wie „Forschungsstandort Deutschland“ keine echte Bedeutung haben. Aber jetzt nur mal im Rahmen der eng umgrenzten Debatte  um Forschung/Bildung, Doktortitel, Guttenberg und Merkel.

Nun eröffnete Merkel die CeBIT. Zitat dort „Damit das funktioniert, ist Know-how gefordert – für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland besonders wichtig.

Mal abgesehen von dem komischen, nationalen Fokus stellt sich die Frage welches Signal die Bundesregierung sendet, wenn die eigenen Kabinettsmitlieder auf wissenschaftliche Standards scheissen – und die Bundeskanzlerin diese auch nicht ernst nimmt. Also Know-How ist ganz wichtig – aber da fehlt dann der Nebensatz „aber lasst euch beim Bescheissen möglichst nicht erwischen“. Und vielleicht die Ergänzung „Bei Adligen schauen wir extra weg, also nur zu!“

Das ist eine total widersinnige Haltung. Das ganze Gerde um Forschung und Bildung also nur vorgeschoben. Denn letztendlich gehts nur darum die eigenen Pfründe zu sichern. Wenn dabei dann eine Uni baden geht, interessiert das die Bundesregierung gar nicht.

Das Gleiche gilt fürs Urheberrecht.

Alle sind gleich, aber manche sind GLEICHER!?

Ja, ich weiß. Das ist schon länger/immer so. Nur die Dreistigkeit mit der die das gerade Durchziehen ist frech und abstoßend. Frau Merkel sollte auch zurücktreten, denn offenbar fehlt ihr zur Zeit jegliche Sensibilität. Da ist ihr der Freiherr näher als alle vorgeschobenen Werte.

Merkel und Bundesregierung pro oder kontra Forschung?

Heiße Luft aus JMSTV ist raus

Blogs wurden schon vom Netz genommen – es wurde als größte politische Frage aller Zeiten hochstillisiert. Aber nun ist es da gelandet, wo es absehbar landen würde: Es gibt keinen Konsens für die derzeitige Gesetzesvorlage.

Wie gesagt: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und das JMSTV war nie wirklich gefährlich. Es war nur ein Hype. Ein Kampfschauplatz zwischen Teilen der Internetcommunity und der etablierten Politik.

Die Gefahr war, dass evt. einige Blogs ihre Angebote kennzeichnen hätten müssen. Wie stark das tatsächlich gefordert worden wäre ist dabei sehr umstritten, u.a. beim lawblog.

Faktisch funktioniert bereits heute eine Teilsperrung des Netzes. Komischer weise gab es dazu von den jetzt aktiven oft sehr wenig. Denn die Jugendschutzprogramme laufen bereits in vielen Schulen und filtern seit Jahren (s.a. mein Artikel zum Sperren von Gulli). Für Schulen wird daher das JMSTV kaum einen Unterschied machen. Vielleicht sogar würde eine verbreitetere Kennzeichung sogar mehr Blogs von Sperrlisten holen. Die Sichtweise, dass Jugendschutz ganz anders gemacht werden müsste im Internet halte ich auch für Schwachsinn. Es kann ja nicht sein, dass es vom Sendemedium abhängt ob ein Inhalt abrufbar ist oder nicht – weil dann natürlich immer das Internet zum Umgehen genutzt würde.

Damit das nicht missverstanden wird: Ich bin auch gegen dieses neue Gesetz – aber das Haupt-Problem besteht seit Jahren – und die meisten Blogger hats bisher nicht gestört. Es braucht keine Gesetze um Inhalte zu sperren. Es ist Alltag.

Daher bezog sich das Aufheulen wohl eher auf die Gefahr verklagt zu werden bei falscher oder fehlender Deklarierung der eigenen Beiträge. Das aber ist eben nachwievor weit entfernt, bzw. zu erwarten, dass es kaum jemanden tangieren würde – auch nach dem aktuellen Entwurf.

Also außer heißer Luft nicht viel gewesen

Heiße Luft aus JMSTV ist raus

Wieso Gleichheit nicht vom Himmel fällt

Dieser Beitrag ist als Anregung zum Nachdenken zu verstehen. Denn oft beobachte ich in Kommentaren und Foren, wie die Diskussion um eine Frauenquote in meinen Augen falsch diskutiert wird.

Um das Ganze zu illustrieren möchte ich zunächst ein Gleichnis aufstellen:

Stellen wir uns eine Gruppe von Menschen vor: Eine alte Frau, ein kleiner Junge, ein sportlicher junger Mann und ein Rollstuhlfahrer. Es soll ein Wettbewerb stattfinden – über eine Distanz von 500 Metern müssen diese Teilnehmer nur zu einem Tisch laufen – und wer zuerst ankommt kann sich den Gewinn der dort liegt nehmen. Wir stellen fest: Alle Teilnehmerinnen sind gleich weit vom Ziel entfernt – keiner wird behindert, alle starten zum gleichen Zeitpunkt, niemand ist gedopt oder hat einen sonstigen Vorteil von den Veranstaltern erhalten. Preifrage: Wer wird vermutlich das Ziel als erster erreichen und den Gewinn einstreichen? Und können wir hier von einem fairen Wettbewerb sprechen?

Der Leser wird erraten, wer in diesem Fall der Gewinner sein wird, wenn nichts dazwischen kommt: Der sportliche junge Mann. Aber welche Art Wettbewerb haben wir hier, wenn der Gewinner defakto schon vorher fest steht?

Oder nehmen wir ein Beispiel aus der Realität: Im Boxen und anderen Sportarten treten Frauen nicht direkt gegen Männer an. Handelt es sich hierbei um eine Benachteiligung der Männer, weil diese nicht an den Wettbewerben der Frauen teilnehmen dürfen?

Was können wir aus dem Gleichnis und dem Beispiel lernen? Formal gleiche Bedingungen bedeuten nicht, dass alle die gleiche Chance haben. Und die Tatsache, dass nicht jeder bei jedem Wettbewerb antreten darf stellt nicht immer eine Benachteiligung einer Gruppe oder eines Geschlechtes dar.

Ja, wir sind alle verschieden. Wir haben Stärken und Schwächen. Dies führt dazu, dass wir an verschiedenen Stellen Vorteile und/oder Nachteile haben. Und es gibt verschiedene Bedingungen wie das Geschlecht, die Herkunft, die Bildung, der finanzielle Status, die die Startbedingungen mit bestimmen. Z.B. muss ein Student, dessen Eltern nicht reich sind vermutlich neben dem Studium auch noch arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren, während ein Student mit reichen Eltern sich voll auf das Studium konzentrieren kann. Aber formal haben beide Studenten die gleichen Bedingungen – d.h. von Seiten der Universität, den Zugangsvorraussetzungen, etc. . Der Argumentation derer, die die Frauenquote rundweg ablehnen stellt das BaFöG auch eine unzulässige Diskriminierung von reichen Menschen dar, weil sie KEIN Geld erhalten? Gleiches gilt für Hartz IV? Sind also in unserer Gesellschaft reiche Menschen überall diskriminiert, weil sie keine Ermäßigung bekommen? Würde demgemäß also unsere Gesellschaft gerechter sein, wenn wir die Armen verhungern lassen würden – wenn wir Studiengebühren für alle einführen usw.?

Ich denke prinzipiell ja – im FDP-Sinne. Die FDP, der Liberalismus versucht nach Möglichkeit formal gleiche Bedingungen zu schaffen – aber nur an dem Punkt des Zugangs zu Jobs, Bildung,… die Theorie ist, dass jeder seines Glückes Schmied ist und an sich jeder alles erreichen kann und soll – und der Staat so wenig wie möglich eingreifen soll. In diesem Weltbild wird wenig Augenmerk darauf gelegt, dass es auch andere Faktoren gibt, die eben dazu führen, dass wir nicht alle die gleichen Zugangsvorraussetzungen haben durch Bedingungen, die wir als Neugeborene nicht beeinflussen können. Wir werden in die Verhältnisse hineingeboren. Zu dem Zeitpunkt haben wir vielleicht noch einigermaßen gleiche Chancen (vorrausgesetzt, dass nicht mangelnde ärztliche Versorgung etwas bei der Geburt schief gehen lässt). Aber von dem Zeitpunkt an beeinflussen uns die Bedingungen nach der Geburt, die Ernährung, unsere Eltern und deren Bildung und Weisheit, unser Verwandten und Freunde – und wie sie auf uns reagieren. Die Vorurteile der Welt, weil wir eine andere Hautfarbe haben oder weil wir männlich oder weiblich sind.

Wir können als Gesellschaft nicht auf alle dieser Faktoren Einfluß nehmen und sollten das auch nicht wollen. Aber es ist wichtig zu erkennen, dass Kinder nicht mit gleichen Chancen geboren werden. Dennoch ist Gleichheit eines der wichtigsten Verfassungsziele in Deutschland und anderen Staaten.

Wie aber kommen wir zu mehr Gleichheit? Was können wir tun? Wenn wir nichts tun wird es nicht besser, sondern die vorhandene Ungleichheit wird z.B. in Familien zum Positiven wie auch Negativen weitergetragen – oder von Region zu Region. Deswegen bedeutet Politik zu machen auch in erster Linie einzugreifen und für Gerechtigkeit und ausgleich zu sorgen. Damit nicht immer nur die Stärksten einen Vorteil haben: Deswegen gibt es Gerichte – damit die Schwachen auch zu ihrem Recht kommen. Deswegen gibt es Gesetze – damit nicht nach Willkür entschieden wird, sondern jeder Mensch gleich behandelt werden kann.

Und nun noch einmal zur Frauenquote: Oberflächlich betrachtet benachteiligt diese ein Geschlecht, nämlich das männliche. Aber dies gilt nur dann, wenn wir davon ausgehen, dass es ohne Quote keine Benachteiligung gibt. Es ist aber Fakt, dass in unserer Gesellschaft Frau zu sein traditionell und auch heute noch bedeutet Vorurteilen ausgesetzt zu sein und effektiven Benachteiligung an vielen Orten. Z.B. bei der Aufstellung von Wahllisten. In vielen Parteien stellen Frauen in Wahllisten eine Minderheit, oft weit unter dem Prozentsatz der Mitglieder. Das liegt daran, dass Frauen nicht unbedingt in dem Maße nur eine Frau wählen, aber umgekehrt Männer eher dazu neigen einen Mann zu wählen.

Das Ergebnis kann man dann auch in fast jeder Partei ablesen, die keine Quotenregelung hat. Ich will an dieser Stelle gar nicht auf weitere Kritik und Vorurteile an der Quote eingehen, weil es mir im Moment darum gar nicht geht. Mir geht es lediglich darum zu  begründen, warum ohne Quote Frauen bei Wahlen zumeist  benachteiligt werden.

Vergessen wir nicht, dass z.B. in der Schweiz im Kanton Appenzell Innerrhoden erst 1990 durch Gerichtsbeschluss das Wahlrecht für Frauen erzwungen wurde. Hier könnte man auch mit der Demokratie  begründen, dass es einfach nie eine Mehrheit gab, den Frauen ein Recht zuzugestehen.

Es ist aber ganz wichtig zu verstehen und anzuerkennen, dass Menschen- und Bürgerrechte nicht teilbar sein dürfen. Wenn man anfängt wesentliche Rechte oder Verfassungsziele dem Spiel der Kräfte auszusetzen, anstatt sie zu verteidigen oder als gegeben hinzunehmen, so werden immer die Kräfte siegen, die am stärksten sind und am meisten von der Abschaffung oder Verhinderung von Recht profitieren. Gleichheit ist, wie o.g. so ein Recht. Seine Durchsetzung hat oberste Priorität. Man kann sich über die Wahl der Mittel streiten, wie dieses Ziel zu erreichen ist, aber wer dieses Ziel aufgeben will, oder sich auf eine liberalistische Position zurückzieht, der wird dazu beitragen, dass auf dem Papier vielleicht weiterhin eine Gleichheit garantiert ist, diese aber in der Realität nur Makulatur ist, weil die Bedingungen für das Erlangen und Nutzen der Gleichheit nicht gegeben sind. Es bedeutet den Schwächeren oder den Verliererern den Rücken zuzudrehen. Es bedeutet eine Abkehr vom Wesentlichsten unserer Demokratie. Es ist schade, dass die Demokratie es nicht schafft diese ihre eigenen Werte angemessen zu vermitteln und stattdessen das Ganze auf das Jonglieren von Zahlen und Mehrheiten reduziert. Gleichheit darf nicht denunziert werden, weil damit der Kerngedanke unsere Gesellschaft angegriffen wird!

Wieso Gleichheit nicht vom Himmel fällt

Hörtip „Warum effektiviert der Staat die „Ressource Bildung“? FR Stuttgart

Das Freie Radio Stuttgart hat zwei Teile eines Interviews veröffentlicht mit Dr. Theo Wentzke:

Zur Ausbildung im Kapitalismus. Zur Unzufriedenheit des Staates im seinem Bildungssystem und der Reform des Bildungswesens.

Hörtip „Warum effektiviert der Staat die „Ressource Bildung“? FR Stuttgart

Zur Situation der SPD

Nachdem einige Tage der für die SPD verlorenen Bundestagswahl vergangen sind, lichtet sich etwas der Rauch und die Analysen dessen, was geschehen ist, setzen sich fort. Z.B. im Artikel in der ZEIT „SPD: Wo bleibt die Wut?“ von Susanne Gaschke.

Dort findet aber eine gar seltsame Aufarbeitung statt:

Sondern leistet euch erstens: Wut auf Wähler. Dass viele Menschen eine Große Koalition als demokratisch unbefriedigenden Zustand empfinden, ist nachvollziehbar. Dass sie sich des Problems allein auf Kosten der SPD entledigten, ist ungerecht. [ … ]

Gönnt euch zweitens: Wut auf die Medien. In den vergangenen Jahren war es in großen Teilen der Hauptstadtpresse geradezu ein Sport, SPD-Vorsitzende zur Strecke zu bringen.

Der Vollständigkeit halber: Es wird auch Wut auf die SPD selbst gefordert. Aber diese beiden Punkten sind im höchsten Maße bedenklich. Das Hartz IV eine Katastrophe war und ist, kann jeder sehen, der sich das Gebilde und die Realität nur ein wenig näher angesehen hat. Alleine die Vielzahl an Klagen vor den Sozialgerichten und das hohe Maß an Fällen, in denen die Kläger recht bekommen sprechen für sich. Wer nicht sieht, das Hartz IV in erster Linie negative Folgen hatte, der lebt hinter dem Mond. Das tun offenbar viele der Unterstützer der SPD. Die Kritik an der eigenen Partei ist nicht fundamental, sondern maginal. So kritisiert Frau Gaschke die Inszenierung von Parteitagen. Das mag ja auch durchaus kritikwürdig sein, aber was das eigentliche Problem der SPD war und ist, ist dass sie die falsche Politik gemacht hat. Das sie allenfalls eine Chance auf eine Fortsetzung der Großen Koalition hatte lag daran, dass es kaum noch Menschen gibt, die diese Politik stützen. Wer Hartz IV toll findet, sit doch besser bei FDP & CDU aufgehoben. Hinzu kommt, dass man Helmut Kohl vieles unterstellen kann, aber dass es Rot-Grün war, die noch mehr als er die Politik der Sozialen Kälte mit dieser Reform durchgeprügelt haben. Wieso soll man sich nun noch vonr CDU/FDP fürchten, wenn die SPD klar gemacht hat, dass man sie fast noch mehr fürchten soll? Weil sie noch „sozial“ im Namen hat?

Die Entwicklung der Jahre seit Kohl zeigt ganz deutlich, dass die Politik zur Erringung der Macht und zum Machterhalt eigenen Gesetzen folgt auf derem Weg auch der Verrat der eigenen Prinzipien nicht nur möglich, sondern oftmals an der Tagesordnung ist.

Die SPD hatte eien Koalition mit der Linken ausgeschlossen. Dies bedeutet für potentielle Wähler, das wer eine linkere Politik haben wollte, auf gar keinen  Fall die SPD wählen durfte. Denn das wäre immer eine verlorene Stimme gewesen.

Besser fasst die Situation m.E. der Artikel „Die SPD setzt weiter auf Untergang“ in der telepolis zusammen. Zwar hatte ich selbst der SPD noch die 30 % zugetraut – aber es hat sich dann dieses mal doch gezeigt, das sich der Megatrend weiter fortgesetzt hatte – die SPD mit fliehenden Fahnen dem Untergang imme näher kommt. Mit dem neuen Personaltableau vielleicht sogar die letzte Chance auf Änderung in den Wind geschrieben wurde. Hat die SPD überhaupt noch eine Basis?

Die SPD hat wohl tatsächlich geglaubt, sie könne noch in der Oberliga mitspielen, ist aber tatsächlich in die Zweite Liga abgestiegen. (Wow, ein Fußballvergleich von mir?). D.h. Sie hat nicht einfach nur den Kampf um die Meisterschaft verloren, sondern befindet sich bereits jenseits von gut und böse. Hier endet auch die Nähe zum Fußball, denn die FDP ist immer noch kleiner, hat aber inzwischen mehr Einfluss in der Bundespolitik.

Aus meiner Sicht ist die Realität noch lange nicht bei der SPD angekommen, nicht einmal ansatzweise. Es sieht so aus, als ob sie das unter Schröder gelernte nicht vergessen können. Sie haben doch alles richtig gemacht, was die Apologeten einer Neuen Martkwirtschaft von Ihnen verlangt haben? Das Gejammer der SPD darum, dass sie nicht von der Industrie geliebt wurde – oder wenn wieder einmal die Industrie ihre Versprechungen nicht hielt – sei es beim Pfand oder der Schaffung von Ausbildungsplätzen, war nur schwer zu ertragen.

Alles hat die SPD richtig gemacht, wie man es von ihr erwartet hat. Man hat als erstes die Neue Mitte bedient – und nun? Undankbarkeit. Warum? Weil die Welt eben nicht so funktioniert. Die SPD ist zwar von Anbeginn eine gespaltene Partei, trägt aber ursprünglich doch einen gewissen sozialrevolutionären Anspruch von Gleichbehandlung und Gerechtigkeit mit sich herum. Die SPD hat aufgegeben, diesen Anspruch noch erfüllen zu wollen. Man hat das Geschwafel von neokonservativen Thinktanks geglaubt und versucht mit einem Motto wie „Sozial ist, was Arbeit schafft“ moderner, wirtschaftsfreundlicher und erfolgreicher zu sein, als die CDU. Lustig ist dabei, dass es der Wirtschaft zum Teil besser ging, als die SPD noch sozialer war.

Denn die ganzen Behauptungen, dass es der Wirtschaft schlecht ginge, schlecht ginge wegen zu hoher Löhne, zu geringem Kündigungsschutz, Behauptungen, dass es nur deswegen so viele Arbeitslose gäbe, weil diese noch nicht Zuckerbrot und Peitsche gespürt hätten, haben sich als unwahr herausgestellt. Wahr ist, dass es der Industrie zumeist gut geht. Die Industrie ist mobil und spielt mit der Politik. Die globale Finanzwirtschaft ist noch mobiler – und um den Wirtschaftsstandort für sie attraktiver zu machen, hat man im Steuersystem und der Wirtschaftspolitik herumgestrichen. Der Effekt der versprochen wurde ist aber nicht eingetreten. Nach Rot-Grün und nach der Großen Koalition erlebt man kein prosperierendes Deutschland mit dankbaren Investoren.

Die Prekarisierung großer Teile der Bevölkerung hat sich fortgesetzt. Und die SPD wird als Gegner der Interesse der Betroffenen wahrgenommen und nicht als Anwalt der Armen. Bekanntermaßen spielt die soziale Herkunft in Deutschland auch eine immer größere Rolle bei den Bildungs- und Aufstiegsschancen.

Unter dem Strich muss man sagen, dass mit den Versprechungen der Neuen Marktwirtschaft auch die Schröder-SPD gescheitert ist. Aber weder das eine noch das andere ist tot. Eine 180-Grad wende ist auch nicht einfach. Und so wie sich die SPD in den vergangenen Jahrzehnten verhalten hat, kann sie die vielleicht auch gar nicht mehr glaubhaft hinbekommen. Die SPD wurde instrumentalisiert, um in Bereichen zu streichen, die die CDU wohlwissentlich nicht angefasst hatte. Weil es da sonst Aufstände gegeben hätte. Die SPD konnte dies tun – in Zusammenarbeit mit den Mainstream-Gewerkschaften.

Dies alles hat der deutschen Bevölkerung nicht genutzt, sondern erheblich geschadet. Insofern ist es ganz einfach: Die verlorenen Bundestagswahl ist eine Strafe für eine verfehlte Politik gewesen. Es gäbe eine linke Mehrheit in Deutschland, wenn diese gewollt wäre. Dazu ist die SPD aber nicht mehr fähig. Bereits 2005 hatte sie diese Kraft zur Erneuerung nicht mehr. Wenn man sich ihre Bundestagsabgeordneten anschaut, so sind da auch die Mehrzahl eher konservativ als progressiv. Insofern wird sich wohl in Zukunft eher die Frage stellen, ob die Linke mit den GRÜNEN koaliert.

Insofern kann man der SPD nichts mehr raten. Sie wussten es ja immer besser und werden weiter scheitern. Für eine Umkehr ist es vermutlich bereits zu spät. Das kommt davon, wenn man sich nur in seiner eigenen Blase bewegt.

Zur Situation der SPD

Bildung in Deutschland

Ich weiss nicht, was ihr für Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem habt. Aber diese Meldung auf telepolis kommt für mich kaum überraschend.

Was ich immer wieder erlebt habe und weiterhin von Schüler- und Studentinnen höre ist:

  • Lehrer- und Professorinnen versuchen oft schon am Anfang möglichst viele neue Schüler/Studentinnen loszuwerden nach dem Motto „Du bist hier falsch“ oder „das ist alles total schwierig, gib lieber gleich auf“.
  • Auch während der Schul- und Studienzeit gibt es viele Sollbruchstellen um Schüler/Studenten rauszuwerfen.

Das problematische dabei ist:

  1. Ausbildungswege, die Menschen wählen, werden zerstört. Das bedeutet für diese Menschen, dass sie Jahre verschwendet haben oder sich plötzlich umorientieren müssen. Nicht etwa, weil sie keine Chance haben, sondern weil man sie losgeworden ist.
  2. Für den Staat ist das auch IRRE TEUER. Ich bin der Meinung das ein abgebrochenes Studium viel teurer ist, als ein Student der weiterstudiert. ich vermute die gegenwärtige Politik rechnet nur mit den Ausgaben, die noch kommen – und nicht so sehr mit den Ausgaben, die getätigt wurden. Fakt ist: Ein Student, der abbricht bedeutet  IMMER einen Totalverlust für den Staat. Ein Student der länger braucht bedeutet immer einen qualifizierteren Menschen.

Insofern ist ein Schüler oder Student auf seinem Weg immer ein WIN/WIN – mal abgesehen von dem Bild des ewigen Studenten, den ich für die große Ausnahme halte.  Ich denke es wäre Zeit, dass man sich mehr Gedanken darüber macht, wie man Menschen in ihrem Bildungsweg und ihrer Entscheidung stärken kann, anstatt sie zu entmutigen und ihnen ein Weiterstudium zu verbieten aus formalen Gründen.

Bildung in Deutschland