Plädoyer für ein konstruktives Streiten

In vielen Zusammenhängen gelten Streit und offene Konflikte als unfein. Harmonie und uneingeschränkte Solidarität dagegen als MUSS.

Ich möchte, insbesondere in linksradikalen Zusammenhängen, dafür plädieren mehr zu streiten. Streit muss nicht immer so enden, dass Menschen hinterher nicht miteinander reden. Im Gegenteil. Ohne Streit kann es meines Erachtens keine echte Annäherung geben.

Streit hat einen schlechten Ruf. Gerne wird jede Position als legitim so stehen gelassen wie sie geäußert wird. Das ist äußerst höflich, führt uns aber oft nicht weiter. „Ich-Botschaften“ senden ist IN. Daraus ergibt sich eine Kultur des Vermeidens Ungereimtheiten und Meinungsverschiedenheiten auszutragen. Über alles wird die wohlige Decke des gegenseitigen Verstehens ausgebreitet. Aber hinterher hat es auch jeder leichter bei seiner Position zu bleiben.

Wichtig bleibt dabei, dass man stets versucht, den gegenüber inhaltlich zu verstehen. Es kann dabei aber auch helfen ihm oder ihr etwas zu unterstellen oder zumindest eine Frage zu stellen, die als solche aufgefasst werden kann.

Es scheint gerade in Deutschland in der politischen Diskussion oft nur zwei Zustände zu geben:

  1. Man diskutiert konstruktiv miteinander im gegenseitigen Respekt – und erklärt beiderseits auf der gleichen Seite zu sein
  2. Ab einem bestimmten Punkt brechen Missverständnisse durch und der Gegenüber wird zum politischen Gegner.

Unmöglich scheint dabei der konstruktive Streit, bei dem man ggf. stunden- tage oder wochenlang Argumente austauscht und aufeinander eingeht. Und das wichtigste: Bereit ist, die Position des Anderen zu übernehmen.

Die Psychologie der Ich-Botschaften schätzt das Individuum so über alles, dass es gar nicht den Wert erkennt gemeinsame Positionen erarbeitet oder erstritten zu haben. Es sieht nur die negativen Folgen schlechter Stimmung durch Missverständnisse.

Ich erlebe es leider immer wieder, dass bei geäußerter Kritik die Schotten dicht gemacht werden. Für mich bedeutet dieses kommunikative Verhalten dann allerdings auch etwas – nämlich das der Gegenüber leider nicht zu einem reifen Dialog fähig ist. M.E. kommt niemand da um diesen Lernprozess drumherum.

Wichtiger Aspekt ist dabei auch der Humor – oder auch der Spaß am Konflikt. Oder auch die Neugier auf den Gegenüber und dessen Position. Einer auf Kompromiss gebürstet Kommunikation fehlt häufig die Neugier und das Verstehen-Wollen des Gegenübers.  Dabei drückt sich gerade im Unterschied der Respekt für einen Gegenüber aus – mehr noch als darin ihn in seiner Andersartigkeit nicht zulassen zu wollen und stattdessen ihn in einen Kompromiss und damit Negation seiner eigenen Positionen zu zwingen.

Viele Diskussionen enden im Nichts, in Sackgassen. Alle gehen zufrieden nach Hause und niemand hat etwas dazu gelernt. Oder man hat einen Haufen von Leuten oder Gruppen, die sich nicht wirklich nah sind. Aber man meidet die Konfrontation, weil die die Gefahr birgt, dass man sich nicht einig sein könnte. Das innere Konflikte aufbrechen könnte. Am Ende stehen dann weichgewaschene Positionen bei dem sogar akzeptiert wird, dass Gruppen teilhaben, die das Gegenteil von dem wollen, was man selber für richtig hält. Wenn man dann aber bereit ist das Gegenteil dessen mitzutragen, was einem am Herzen liegt, stellt sich verstärkt die Frage, warum man meint auf der gleichen Seite zu stehen.

Ich glaube diese Frage, ob man wirklich am gleichen Strang zieht, wird viel zu selten gestellt. Und deswegen sind viele Aktivitäten so bedeutungslos und unattraktiv. Die klare Alternative fehlt. Aber der Kompromiss ersetzt keine Position.

Plädoyer für ein konstruktives Streiten

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