Vom Workload abschalten…

„Vom Workload abschalten…“ So heißt es in einem Video der Freiburger „P.H.A. Entertainment“ als Vorschlag für die Nutzung eines frei stehenden Bahnhofs. (via taz)

Da musste ich mal recherchieren, wie das denn so definiert wird und fand die Antwort auf dieser Seite:

Workload/ Arbeitsaufwand bezeichnet die Anzahl an Stunden, die Studenten während ihres Studiums für bestimmte Studienbereiche aufbringen müssen, um das Studium erfolgreich absolvieren zu können. Mit der Vorgabe des Workloads soll erreicht werden, dass die angegebene Regelstudienzeit überhaupt erfüllt werden kann. Der maximale Workload für ein Semester wurde von der Kultusministerkonferenz auf 900 Arbeitsstunden pro Semester festgelegt. Zum Workload zählen folgende Bereiche: Präsenzstunden die Studenten in der Hochschule verbringen, der Arbeitsaufwand den Studenten durch Vor- und Nachbereitung der Kurse, Prüfungsvorbereitungen und Selbststudium haben, Absolvierung von Praktika und Ausarbeitung von Arbeiten (z.B. Diplomarbeit)

Das bezieht sich also nicht etwas allgemein auf eine Arbeitsbelastung, sondern konkret auf Studierende.

In der Wikipedia findet man zum Bologna-Prozess:

Die Zielvorgabe der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses beträgt, dass Studierenden im Jahr 1.800 Arbeitsstunden für ihr Studium aufzuwenden haben. Diese Arbeitsbelastung ergibt sich daraus, dass Studierende 40 Stunden pro Woche für ihr Studium aufwenden sollen und dies in 45 Wochen das Jahres, d. h. es werden etwa 6 Wochen Urlaub pro Jahr zugestanden, […]

Bei der Berechnung des Workloads wird davon ausgegangen, dass Studierende weder erwerbstätig sind („jobben“ oder als „Werkstudenten“ arbeiten) noch erhebliche Zeitanteile für gesellschaftliches, politisches oder familiäres Engagement aufwenden. Gegenüber früheren Diplom- oder Magisterstudiengängen, in denen lediglich die oft freiwilligen Präsenzzeiten von 20 bis 30 Semesterwochenstunden ausgewiesen wurden, die zum Teil nicht prüfungs- oder endnotenrelevant waren, wurde durch den Bologna-Prozess in vielen Studiengängen die Arbeitsbelastung oder zumindest der Leistungsdruck erhöht.

Das ist natürlich krass, insbesondere wenn Studierende auch schon Kinder haben oder sich mit Nebenjobs ihr Studium finanzieren müssen.

Für mich zeigt sich hier aber auch in dem o.g. Video ein Perspektivwechsel: Statt den Workload zu kritisieren, fordert man sozusagen Ausgleichsflächen, um sich davon in der wenigen Freizeit entspannen zu können.

Aber kein besetzter Bahnhof wird etwas an dem Workload der Studierenden ändern. Gut, dass ist auch nicht Ziel dieser Initiative – aber dennoch spielt der Workload eine Rolle.

Fundamental bedeutet der Workload ja die Verhinderung des Studierens für große Teile der Bevölkerung. 40 Stunden sind einfach zu viel. Ich frage mich, welche konkreten Erfolge man dadurch überhaupt erzielen kann. Da das eine relativ neue Regelung ist, würde das ja bedeuten, dass es vorher gar keine vernünftigen Abschlüsse gab. Also die Generation der Professoren gar nicht in der Lage wäre zu unterrichten? Das ist ja definitiv nicht so.

Was hier stattfindet ist eine extreme Verdichtung, wie auch in der Arbeitswelt. Für Studierende, die nebenbei noch Familie und Arbeit haben bedeutet dass, dass sie vielleicht statt der 40 Stunden eben 60 Stunden arbeiten müssen. 20 Stunden fürs Geld verdienen. Bei zunehmend prekären Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich mit sinkenden Stundenlöhnen winkt hier das Burnout ganz heftig.

Dieser Aspekt ist mir in der vergangenen Studierendenprotesten zu wenig aufgefallen. Da gab es lange Listen an Verbesserungsvorschlägen aus verschiedenen Unis und Vertretungen. Aber eigentlich ist doch der Workload das Hauptproblem?

Im Grunde müssten Studierende knallhart fordern die Verdichtung zurückzunehmen und die Workload auf  höchsten 25 Stunden zu reduzieren. Dann müssen halt Inhalte wegfallen oder als freiwillige Kurse angeboten werden. Das will man aber wohl nicht, weil man die Studienzeiten auch gerne verkürzen will. Weil jeder Studierende an der Uni Geld kostet. Alles ganz marktwirtschaftlich betrachtet.

Aber warum sollte es gerade an den Unis anders sein, als außerhalb der Uni. Die Studierende, die nach der Uni in einem Restaurant jobbt wird dort auf genau die gleiche Arbeitsverdichtung treffen. Diese Logik findet kein Ende, es sei denn man stellt sich ihr entgegen.

Gerade die Krisen weltweit zeigen, was das Rezept der Politik ist: Ausgaben kürzen, Lebensarbeitszeit verlängern. Geld umverteilen. Eine Reform jagt die andere. In der Hoffnung, dass die nächste Reform endlich Ruhe bringt und echte Einsparungen. Aber so wie es aussieht dreht sich damit das Rad nur schneller. Ökonomisierung kann man nämlich immer weiter treiben. Bis die Leute umfallen oder dagegen Aufstehen!

Also wenn ich mir was wünschen dürfte, so dass einige Studierenden sich endlich mal in wenigstens einem Punkt einig werden und diese Verdichtung ablehnen. Und zwar nicht als Strohfeuer und nicht nur dadurch, dass man sich für nach der Uni einige Freiräume erkämpft. Raum gegen Lebenszeit wird auf die Dauer nicht funktionieren. Denn die nächste Reform kommt bestimmt.

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