Zur Wikipedia-Diskussion auf dem 26C3

Also gut, das meiste konnte ich hören, was auf dem 26C3 gesagt wurde. Ich habe zu dem Thema seit meiner Nutzung seit ca. 2001 bzw. meinem Nutzeranlegen 2002 ja schon vieles geschrieben, dass ich aber aus dem aktuellen Anlaß noch einmal wiederholen, bzw. neu zusammenfassen möchte:

  1. Die Idee mit dem Distributed Network ist im grunde richtig. Die Moin-Software bietet da schon länger eine Funktionalität zur Synchronisierung von Wiki-Instanzen. Das ist nicht ganz das, was das Projekt Levitation kann und will. Wichtig finde ich aber schon, das man berücksichtigt, das Wikis bereits eine Versionskontrolle haben: Es sollte nicht versucht werden diese Versionskontrolle zu doppeln. Es sollte verschiedene Möglichkeiten der Synchronisierung aber auch des Forkens geben. Problematisch ist das Ganze glaube ich solange ein Teil der Daten eben in MySQL gespeichert bleiben (wieder ein eigenes Datensystem). dakmit hätte man ggf. drei Systeme die speichern: 1.) mySQL/Datenbank, 2.) MediaWiki-Software-Revisionen, 3.) Sychronisierung mit Git. – das wird zu komplex. Soviel ich weiss sind Datenbanken nicht zwangsläufig schneller als dateibasierte Systeme – entscheidend ist dann eh das Cachen von Inhalten um die Last zu reduzieren. Das hat jetzt aber mal gar nix mit Relevanz zu tun. Und es war vielleicht auch falsch seitens der Moderation das auch zu thematisieren.
  2. Das Wesentliche an der Problematik ist,dass Ur-Wikis  ganz andere Prinzipien haben als die Wikipedia. Die Grundidee ist schon, dass sich User einigen müssen. Es gibt EditWars – die muss man irgendwie befrieden. Neutralität ist nicht die Lösung. Ich bin auch der Meinung, dass Neutralität nicht herstellbar. Neutralität führt immer dazu Minderheitsansichten auszugrenzen. Wichtiger ist der Anspruch, den ein System hat. Eine Enzyklopädie erhebt auch den Anspruch eine gewisse Vollständigkeit zu erreichen. Das kann sie aber nicht, wenn Artikel willkürlich und selektiv gelöscht werden. Ich fordere, dass die Wiki sich wieder mehr auf die Wiki-Prinzipien besinnt. Weniger Bürokratie und mehr spontane Wissensbildung. die Wikipedia hat ihre größte Zeit gehabt, als die ganze Bürokratie noch nicht instaliert war. Alleine, dass man Leute Bürokraten nennt, die bestimmte Funktionen haben, ist pervers – auch wenns mal lustig gemeint gewesen ist.
  3. Die Wikipedia unterscheidet zu wenig zwischen eingehenden Bearbeitungen und dem Produkt Wikipedia. Sie versucht daraus eine Einheit zu machen. Daher werden neue Inhalte oft gelöscht oder redigiert, anstatt sie entwickeln zu lassen. Da kommen wir dann doch wieder auf die verteilten Systeme zurück. Mein Vorschlag wäre, dass es eine Haupt-Pool-Wikipedia gibt, die alles sammelt – und daraus wird dann z.B. erst die heutige Wikipedia (oder auch andere „Ansichten“) erstellt. Andere Inhalte, evt. auch sehr begrenzt können in anderen *Pedias gepflegt werden und evt. mit dieser Hauptpool-Wikipedia abgeglichen werden. Dafür würde es dann auch bestimmter grafischer Tools bedürfen, die das erleichtern.
  4. Einer von ‚Mahas‘ Punkten war, das die Relevanzkriterien blöderweise in den verschiedenen Sprachen verschieden sind. Da stimme ich 100% überein. Das ist der Beleg, das Relevanz ja auch sehr unterschiedlich gesehen wird. Was aber viel problematischer ist, als die Frage eines einzelnen Artikels. Gilt wahrscheinlich auch für andere Kriterien.
  5. Zu Mahas Begriffsverwendung ‚Interwiki‚-Links muss man sagen, dass die Sprach-Links keine Interwiki-Links sind. Interwiki-Links warn und sind die Links zwischen verschiedenen Wikis (z.B. LinuxWiki zur Wikipedia usw. Was Maha meinte nennt MediaWiki wohl InterwikiMedia-Links. Das wird leider oft von Wikipedianer durcheinandergebracht. Interwiki-Links sind viel älter.
  6. Ich fand da Kurts Einlassung gar nicht so schlecht, dass er berichtete, wie vor ein paar Jahren noch die Wikipedia als Schwachsinn von CCClern angesehen wurde – und jetzt meinen sie, sie hättens immer besser gewusst. Da ist was dran. Es gibt Leute wie Kurt, die da seit Jahren Zeit investieren. Das muss man zumindest anerkennen und auch sehen, dass er damals schon was gesehen hat, was die, die heute kritisieren nicht gesehen haben.
  7. Nichtsdesdotrotz ist die aktuelle Kritik absolut gerechtfertigt. Wichtig dabei der ganze Frust, der sich bei den Usern aufgestaut hat und irgendwie immer noch keine Anerkennung findet. Die Wikipedianer scheinend as mehrheitlich so zu sehen, das die User einfach zu doof sind zu kapieren um was es geht. Dabei ists die Wikipedia, die statt auf die Community eher auf externen medienfremden Sachverstand zugreift.
  8. Mir sind auch schon einige Artikel gelöscht worden. Die meisten sind jetzt wieder da, weil sie plötzlich relevant sind – oder sie sind halt jetzt schlechter als vorher. Oder sie werden in einem Artikel besprochen. So meint die Wikipedia, das eine Unkonferenz eine „Tagung“ wäre. Aha, also das Gegenteil einer Konferenz ist also eine Konferenz/Tagung. Ist dann Sozialismus=Kapitalismus (see Unconference)? oder Foresight Linux – als es unter den Top 30 Distributionen bei DistroWatch war, war es zu irrelevant für die Wikipedia. jetzt ist es aktuell auf Platz 157 und ist relevanter? Die unzähligen Fehler im aktuellen Artikel korrigiere ich inzwischen nicht mehr. Ich sage nur: Bessere Qualität? Wie soll das gehen, wenn Artikel immer wieder auf Null gesetzt werden.
  9. Und hier stimmt m.E. die Rechnung der Wikipedia nicht: Es ist doch aufwendiger ständig Artikel zu löschen und diese ganze Löschdiskussion zu führen, als nur geringfügige Änderungen zu beobachten. Was die Wikipedia macht ist quasi kein kleinen Patch auf Inhalte, sondern ein komplettes Löschen aller Vorgängerversionen. Ich nutze viel Diffs in Wikis und auch bei Software – und ich bin froh, wenn Patches und Änderungen klein sind – und ich sie anhand der Vorversionen überprüfen kann. Ich muss dann nicht immer alles lesen, sondern nur die Änderung. Aber die Wikipedia sagt es wäre weniger Arbeit einen komplett neuen Artikel zu lesen, als nur die Änderungen zu überprüfen. Zudem macht sie IMHO den Fehler von einer begrenzten Usermenge auszugehen. Das größte Problem der Wikipedia ist, dass sie massiv User wie mich abschrecken, die von vielen Themen Ahnung haben aber nicht bereit sind sich auf Löschdiskussionen mit Dilletanten einzulassen. Vielleicht gibt es Leute, die nix anderes als Wikipedia machen?
  10. Auf DLF oder irgendwo anders lief mal ein Interview wo ein Wikipedia-Admin berichtete, dass das erste, was er morgens macht zu sehen, was für Löschkandidaten es gibt. Wie ich heute erfuhr darf jeder Idiot einen Löschantrag stellen. Wie wäre es denn, wenn man das auch mal eingrenzen würde? Weniger Löschanträge = weniger Arbeit! ich garantiere es euch!
  11. Das Argument „macht doch selber eure Wikipedia auf“ ist lächerlich. Wozu gibts denn ständig diese Spendenhinweise? Weil man sowas eben nicht mal eben aus der Portokasse aufzieht. Und warum soll man unbedingt die ganzen Fehler der Wikipedia belassen und mit viel Mühe eine Spaltung der Autoren vorantreiben? Will die Wikipedia Autoren loswerden und ihre Finanzierungsgrundlage?

Zum Teil ist das Ganze doch eine Geisterdiskussion. Die Wikipedia erwehrt sich nachwievor fundierter Argumente – kann dazu aber kaum mit Gegenargumenten bestechen. Dauerhaft auf Kriegsfuß mit den eigenen Usern wird nicht gutgehen. Noch überwiegt der Good Will der User.

Advertisements
Zur Wikipedia-Diskussion auf dem 26C3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s