Wieso Gleichheit nicht vom Himmel fällt

Dieser Beitrag ist als Anregung zum Nachdenken zu verstehen. Denn oft beobachte ich in Kommentaren und Foren, wie die Diskussion um eine Frauenquote in meinen Augen falsch diskutiert wird.

Um das Ganze zu illustrieren möchte ich zunächst ein Gleichnis aufstellen:

Stellen wir uns eine Gruppe von Menschen vor: Eine alte Frau, ein kleiner Junge, ein sportlicher junger Mann und ein Rollstuhlfahrer. Es soll ein Wettbewerb stattfinden – über eine Distanz von 500 Metern müssen diese Teilnehmer nur zu einem Tisch laufen – und wer zuerst ankommt kann sich den Gewinn der dort liegt nehmen. Wir stellen fest: Alle Teilnehmerinnen sind gleich weit vom Ziel entfernt – keiner wird behindert, alle starten zum gleichen Zeitpunkt, niemand ist gedopt oder hat einen sonstigen Vorteil von den Veranstaltern erhalten. Preifrage: Wer wird vermutlich das Ziel als erster erreichen und den Gewinn einstreichen? Und können wir hier von einem fairen Wettbewerb sprechen?

Der Leser wird erraten, wer in diesem Fall der Gewinner sein wird, wenn nichts dazwischen kommt: Der sportliche junge Mann. Aber welche Art Wettbewerb haben wir hier, wenn der Gewinner defakto schon vorher fest steht?

Oder nehmen wir ein Beispiel aus der Realität: Im Boxen und anderen Sportarten treten Frauen nicht direkt gegen Männer an. Handelt es sich hierbei um eine Benachteiligung der Männer, weil diese nicht an den Wettbewerben der Frauen teilnehmen dürfen?

Was können wir aus dem Gleichnis und dem Beispiel lernen? Formal gleiche Bedingungen bedeuten nicht, dass alle die gleiche Chance haben. Und die Tatsache, dass nicht jeder bei jedem Wettbewerb antreten darf stellt nicht immer eine Benachteiligung einer Gruppe oder eines Geschlechtes dar.

Ja, wir sind alle verschieden. Wir haben Stärken und Schwächen. Dies führt dazu, dass wir an verschiedenen Stellen Vorteile und/oder Nachteile haben. Und es gibt verschiedene Bedingungen wie das Geschlecht, die Herkunft, die Bildung, der finanzielle Status, die die Startbedingungen mit bestimmen. Z.B. muss ein Student, dessen Eltern nicht reich sind vermutlich neben dem Studium auch noch arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren, während ein Student mit reichen Eltern sich voll auf das Studium konzentrieren kann. Aber formal haben beide Studenten die gleichen Bedingungen – d.h. von Seiten der Universität, den Zugangsvorraussetzungen, etc. . Der Argumentation derer, die die Frauenquote rundweg ablehnen stellt das BaFöG auch eine unzulässige Diskriminierung von reichen Menschen dar, weil sie KEIN Geld erhalten? Gleiches gilt für Hartz IV? Sind also in unserer Gesellschaft reiche Menschen überall diskriminiert, weil sie keine Ermäßigung bekommen? Würde demgemäß also unsere Gesellschaft gerechter sein, wenn wir die Armen verhungern lassen würden – wenn wir Studiengebühren für alle einführen usw.?

Ich denke prinzipiell ja – im FDP-Sinne. Die FDP, der Liberalismus versucht nach Möglichkeit formal gleiche Bedingungen zu schaffen – aber nur an dem Punkt des Zugangs zu Jobs, Bildung,… die Theorie ist, dass jeder seines Glückes Schmied ist und an sich jeder alles erreichen kann und soll – und der Staat so wenig wie möglich eingreifen soll. In diesem Weltbild wird wenig Augenmerk darauf gelegt, dass es auch andere Faktoren gibt, die eben dazu führen, dass wir nicht alle die gleichen Zugangsvorraussetzungen haben durch Bedingungen, die wir als Neugeborene nicht beeinflussen können. Wir werden in die Verhältnisse hineingeboren. Zu dem Zeitpunkt haben wir vielleicht noch einigermaßen gleiche Chancen (vorrausgesetzt, dass nicht mangelnde ärztliche Versorgung etwas bei der Geburt schief gehen lässt). Aber von dem Zeitpunkt an beeinflussen uns die Bedingungen nach der Geburt, die Ernährung, unsere Eltern und deren Bildung und Weisheit, unser Verwandten und Freunde – und wie sie auf uns reagieren. Die Vorurteile der Welt, weil wir eine andere Hautfarbe haben oder weil wir männlich oder weiblich sind.

Wir können als Gesellschaft nicht auf alle dieser Faktoren Einfluß nehmen und sollten das auch nicht wollen. Aber es ist wichtig zu erkennen, dass Kinder nicht mit gleichen Chancen geboren werden. Dennoch ist Gleichheit eines der wichtigsten Verfassungsziele in Deutschland und anderen Staaten.

Wie aber kommen wir zu mehr Gleichheit? Was können wir tun? Wenn wir nichts tun wird es nicht besser, sondern die vorhandene Ungleichheit wird z.B. in Familien zum Positiven wie auch Negativen weitergetragen – oder von Region zu Region. Deswegen bedeutet Politik zu machen auch in erster Linie einzugreifen und für Gerechtigkeit und ausgleich zu sorgen. Damit nicht immer nur die Stärksten einen Vorteil haben: Deswegen gibt es Gerichte – damit die Schwachen auch zu ihrem Recht kommen. Deswegen gibt es Gesetze – damit nicht nach Willkür entschieden wird, sondern jeder Mensch gleich behandelt werden kann.

Und nun noch einmal zur Frauenquote: Oberflächlich betrachtet benachteiligt diese ein Geschlecht, nämlich das männliche. Aber dies gilt nur dann, wenn wir davon ausgehen, dass es ohne Quote keine Benachteiligung gibt. Es ist aber Fakt, dass in unserer Gesellschaft Frau zu sein traditionell und auch heute noch bedeutet Vorurteilen ausgesetzt zu sein und effektiven Benachteiligung an vielen Orten. Z.B. bei der Aufstellung von Wahllisten. In vielen Parteien stellen Frauen in Wahllisten eine Minderheit, oft weit unter dem Prozentsatz der Mitglieder. Das liegt daran, dass Frauen nicht unbedingt in dem Maße nur eine Frau wählen, aber umgekehrt Männer eher dazu neigen einen Mann zu wählen.

Das Ergebnis kann man dann auch in fast jeder Partei ablesen, die keine Quotenregelung hat. Ich will an dieser Stelle gar nicht auf weitere Kritik und Vorurteile an der Quote eingehen, weil es mir im Moment darum gar nicht geht. Mir geht es lediglich darum zu  begründen, warum ohne Quote Frauen bei Wahlen zumeist  benachteiligt werden.

Vergessen wir nicht, dass z.B. in der Schweiz im Kanton Appenzell Innerrhoden erst 1990 durch Gerichtsbeschluss das Wahlrecht für Frauen erzwungen wurde. Hier könnte man auch mit der Demokratie  begründen, dass es einfach nie eine Mehrheit gab, den Frauen ein Recht zuzugestehen.

Es ist aber ganz wichtig zu verstehen und anzuerkennen, dass Menschen- und Bürgerrechte nicht teilbar sein dürfen. Wenn man anfängt wesentliche Rechte oder Verfassungsziele dem Spiel der Kräfte auszusetzen, anstatt sie zu verteidigen oder als gegeben hinzunehmen, so werden immer die Kräfte siegen, die am stärksten sind und am meisten von der Abschaffung oder Verhinderung von Recht profitieren. Gleichheit ist, wie o.g. so ein Recht. Seine Durchsetzung hat oberste Priorität. Man kann sich über die Wahl der Mittel streiten, wie dieses Ziel zu erreichen ist, aber wer dieses Ziel aufgeben will, oder sich auf eine liberalistische Position zurückzieht, der wird dazu beitragen, dass auf dem Papier vielleicht weiterhin eine Gleichheit garantiert ist, diese aber in der Realität nur Makulatur ist, weil die Bedingungen für das Erlangen und Nutzen der Gleichheit nicht gegeben sind. Es bedeutet den Schwächeren oder den Verliererern den Rücken zuzudrehen. Es bedeutet eine Abkehr vom Wesentlichsten unserer Demokratie. Es ist schade, dass die Demokratie es nicht schafft diese ihre eigenen Werte angemessen zu vermitteln und stattdessen das Ganze auf das Jonglieren von Zahlen und Mehrheiten reduziert. Gleichheit darf nicht denunziert werden, weil damit der Kerngedanke unsere Gesellschaft angegriffen wird!

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Wieso Gleichheit nicht vom Himmel fällt

Ein Gedanke zu “Wieso Gleichheit nicht vom Himmel fällt

  1. Isi schreibt:

    Du darfst nicht vergessen, dass ausgerechnet das Internet eben jenes Medium ist, in dem sich Nerds, Frauenhasser und Soziopathen besonders heimisch fühlen. Außerdem lassen sich Mehrheiten und Minderheiten da so wunderbar darstellen – und wenn es sein muß – auch manipulieren. Tatsächlich ist das Interesse der Minderheiten an Institutionen, die eine Quote bräuchten, überaus gering, so dass die Mehrheitsmeinung in einem Karnickelzüchterverein keine nachhaltigen Wirkung auf die Demokratie entfalten muß, selbst wenn die da ´nen neuen Führer wählen. Das Engagement der Institution selbst, mittels Demokratiepolitur am schlechten Image etwas zu ändern, hält sich darum auch in Grenzen, weil sie eifnach nicht wahrhaben wollen, wie bedeutungslos ihre Klitsche doch eigentlich ist.

    Ich bin sehr dankbar für das Label „Gegen Quoten!“, so weiß Mann (und Frau) doch gleich aus welcher Ecke der Wind weht. Nichts dergleichen zu sagen, wäre wohl in den meisten Fällen intelligenter, aber man kann halt nicht alles haben. Denn wie sich die Sache mir darstellt, ist nicht der Mangel an Quoten das Problem, sondern der massive Widerstand gegen die Quoten für Frauen. Keine Quote (für Frauen etc) zu haben, kann viele Gründe haben, aber nun ausdrücklich die Frauenquote wegen vermeintlicher Diskriminierung der Männer abzulehnen, ist schon bemerkenswert und sehr komisch. Vor allem wenn man begreift, dass das einige wirklich ernst meinen. Wenn man nach dieser Logik einen Sozialstaat durchforstet, wird man der Diskriminierung (nach diesem Muster) schnell fündig. So oft – und ich mutmaße hier – dass man dabei nicht mehr differenzieren muß und auch nicht mehr kann.

    Vielleicht steckt da ein System hinter.

    😉

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