Relevanz ist irrelevant

Das das Thema jetzt so hochlocht ist bezeichnend. Seit Jahren führe ich die Debatte. Z.B. auf dem Kieler Webmontag letztes Jahr. Oder in der Nachlese zu Lutz Heilmann. Das Thema wurde als irrelevant eingestuft und eigentlich wenig in der Blogger-Elite besprochen.

Zu dem aktuellen Chaosradio möchte ich daher nun nur einiges hinzufügen:

  1. Relevanz ist irrelevant für die Qualität von Artikeln, also sollte das Kriterium nach den eigenen Relevanz-Kriterien der Wikipedia gelöscht werden.
  2. Eines der Hauptprobleme ist die sog. Professionalisierung der Wikipedia. Denn man bewegt sich weg von einem gemeinsamen Pflegen der Inhalte und ersetzt dieses Socializing durch Regeln und Strukturen. Für Newcomer ist es so gar nicht mehr möglich einen Einstieg zu finden.
  3. Die deutschsprachige Wikipedia ist nach enzyklopädischen Maßstäben im Vergleich zur englischsprachigen irrelevant, da sie viel kleiner ist und die Artikel weniger relevante Informationen beinhalten.
  4. Aber das wichtigste Problem ist wie ich schon seit Jahren sage die Zielstellung Enzyklopädie. Weil der Gedanke dahinter einfach nicht im Zeitalter des Web entstanden ist, weil die Wikipedia trotz der Zielstellung ganz bewusst vielfach grundverschieden ist.

Die Wikipedia hat Angst vor dem Wissen und vor den Usern.

Und hier noch mal mein Vorschlag:

Die Wikipedia sollte aufgebaut sein, wie ein Softwareprojekt mit Versionsverwaltung. D.h. es sollte möglichst viele Möglichkeiten geben etwas beizutragen. Nicht notwendiger weise müssen alle Beiträge sofort online sein. Evt. kann man auch sog. Releases erstellen. z.B. das Artikel zur Aufnahmen in die Wikipedia beantragt werden. Der Vorschlag Artikel im Userspace zu schreiben ist fatal aus zwei Gründen: Zum einen können andere so nicht an dem Artikel mitschreiben und ggf. entstehen so mehrere Artikel mit gleichem Thema. Aus dem Pool an Artikeln wäre es dann möglich nicht nur etwas enzyklopädisches zu entwerfen, sondern auch ganz andere Wikis. Dazu fände ich es auch gut, wenn die Wikipedia stärker synchronisierbar wäre. Eigentlich ist dazu das derzeitige System mit einer Datenbank weniger geeignet und der direkte Dateizugriff auf statische Seiten viel interessanter.

Was dabei unter den Tisch fallen würde, wäre wohl das anonyme Schreiben. Das könnte und sollte man wohl auf das Korrigieren von Rechtschreibfehlern beschränken (kleine Änderungen). Jedes Anlegen eines neuen Artikels sollte nur von angemeldeten Besuchern erfolgen.

Hier denke ich, dass die Wikipedia das unwichtigste der Wiki-Merkmale erhalten hat. Sicher ist das anonyme editieren auch ganz nett – aber wenn och sehe wie schnell neue Artikel gelöscht werden selbst von erfahrernen Usern, dann verstehe ich nicht, warum dann anonyme Gäste jederzeit komplete Artikel anlegen können sollen. Das macht nur Arbeit, die anderswo fehlt.

Also noch mal: Die Wikipedia stärker wie ein Softwareprojekt organisieren – alle dürfen mitarbeiten an dem gemeinsamen Ziel. Nicht jede Editierung muss sichtbar sein (ist  teilweise mit Sichtung eingeführt) – und neue Artikel werden nicht einfach gelöscht, sondern kommen in eine Queue – wo sie abgearbeitet werden und verschiedenen Stadien durchlaufen müssen.

Einige werden sagen, dass es aber wichtig sei, dass neue Artikel gleich sichtbar sind. Sind sie aber ja bisher gar nicht, wenn sie im privaten Userspace erstellt oder gelöscht werden. Die Wikipedia HAT eine sehr geringe Schwelle zum Erstellen und Bearbeiten von Artikel. Aber die Schwelle für das konstruktive Mitmachen ist gigantisch hoch, so dass dies kaum jemand macht. Hier existiert ein Missverhältnis – genau das Gegenteil ist wichtig. In einem Softwareprojekt mit z.B. Subversion als Versionskontrolle kann nicht jeder sofortt ins Repository schreiben. Dazu will man die Leute und was sie getan haben erst kennenlernen. Es gibt dazu auch bei Distributionen z.B. Unterprojekte – das könnte in der Wikipedia z. b. auch sowas wie Themenkreise sein wie „Physik, Afghanistan, CDU,…“ – diese Unterprojekte könnten Mitglieder aufnehmen und somit auch beschränkten Schreibzugriff erteilen. Vielleicht wäre jedes Unterprojekt thematisch dann wieder Teil eines größeren Projektes. So das jeder Artikel letztendlich Teil eines Projektes ist und oben wird alles koordiniert.

Heute stellen wir fest, dass es bei der Wikipedia ja eigentlich keine Auslese gibt – keine Liste von relevanten Artikeln (Positivliste), die festgelegt wird und danach dann eine Veröffentlichung gebaut – sondern man arbeitet sich an jedem einzelnen Artikel ab (Negativliste). In einem Softwareprojekt entscheidet man, welche Änderungen aufgenommen werden und nicht, welche Änderungen nicht aufgenommen werden. Man hat also zuerst ein Bild einer fertigen Version und schaut dann den Status der Kontributionen an, ob sie gewissen Maßstäben gerecht werden. Was man auf gar keinen Fall tut ist ein Work in progress z.B. aus dem SVN zu löschen, nur weil es nicht ganz reif ist. Damit würde man effektiv die Entwicklung des Projektes verhindern. Genau so ist es bei der Wikipedia.

Also wäre mein Motto: Mehr Open Source-Softwareentwickler und weniger Wissensexperten für Wikipedia!

Die jetzige Debatte rumohrt nun so lange und ist nun auch bei den sog. relevanten Elitebloggern angekommen. Viele von uns haben das aber schon seit Jahren kritisiert und begüßen natürlich, dass es nun endlich breiter diskutiert wird. Allerdings kommts mir dann wieder komisch vor, wenn dann wieder nur relevante Blogger für eine PODIUMS-Diskussion eingeladen werden. Eine Podiumsdiskussion entspricht eben gerade nicht den Prinzipien, die man anlegen möchte für eine öffentliche Diskussion, sondern es verkürzt wieder alles auf relevante Personen. Und am Ende steht dann in der Wikipedia. das Fefe die Debatte angestoßen hätte. Wobei er nur derjenige war, der es am lautesten tat und in der Nerd-Szene viel gelesen wird. Ich bin mal gespannt, wann da was aufgenommen wird. Irgendein Idiot hatte das ja schon so wie von mir vermutet aufgenommen:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia&action=historysubmit&diff=65816567&oldid=65811611

Dadurch, dass die Relevanz bestimmter Themen und Gruppierungen nicht immer eindeutig ist, kommt es bei der Wikipedia zu Löschungen von Artikeln. Ein Beispiel stellt der Fall des Vereins MissbrauchsOpfer gegen InternetSperren, kurz MOGIS, dar, dessen Artikel im [[Oktober 2009]] gelöscht wurde aufgrund von mangelnder Relevanz. Das Thema erlangte schnell Popularität in Internetkreisen durch die Bericherstattung, unter anderem, im Blog von Felix von Leitner und [[Spreeblick]]. Im selben Monat nahmen sich auch [[Telepolis]] und die Onlineausgabe des Nachrichtenmagazins [[Spiegel]] dem Thema an.

Genau so war es eben nicht. Interessant aber, dass in dem Artikel das „Das Wikistress-o-meter“ als relevant genug für die Aufnahmen in den Artikel angesehen wird.

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