„Feminismus ist soooo von gestern“

Eigentlich war ich ja schon einige Beiträge weiter nach meinem Anfangsartikel Piratenpartei und Frauen. Und ich hielt das Ganze schon für vorerst abgeschlossen. Aber nun da telepolis noch mal in die gleich Kerbe hauen. Man glaubt ja, man habe es mit Klonen zu tun, wenn man folgenden Satz liest (habe ich den in den Kommentaren nicht fast wortgleich zig mal gelesen?)

…Willkommen im 21sten Jahrhundert (bzw. 3ten Jahrtausend), liebe GleichstellungskämpferInnen. Und gleichzeitig meine Gratulation dafür, liebe FeministInnen, dass euer Einsatz so reiche Früchte getragen hat.

Gleich in der ersten Dekade des jungen Jahrhunderts (bzw. Jahrtausends) hat sich nämlich eine Partei gebildet, die alles, wofür ihr gekämpft habt, als Selbverständlichkeit betrachtet. Natürlich sind Frauen und Männer gleichberechtigt, natürlich ist sexuelle Orientierung Privatsache. Und nur wenn man das nicht in jedem zweiten Nebensatz betont, heißt das nicht, dass man (als Pirat) sich in die gesellschaftliche Steinzeit zurückwünscht. Nein. Die Piraten sind die Folgegeneration der Bürgerrechtsbewegung und stellen sich zusätzlich der Herausforderung der digitalen Revolution, des Umbruchs unserer Gesellschaft, die gerade in ihre eigene Zukunft stürzt. In die Informationsära. Diese Herausforderung wird von der „alten“ Generation der BürgerrechtkämpferInnen (und hier sind alle Altersgruppen vertreten) mangels Verständnisses ihrer Tragweite nicht wahrgenommen. Deswegen musste auch eine eigene Partei her.

Soso, da kommt also ein Fritz Effenberg, der gut eine Generation älter ist, als ich und will MIR erklären, das ICH zur alten Generation von Bürgerrechtskämpfern zähle? Nein lieber Fritz, wenn hier einer von vorvorgestern bist, dann bist Du es. Ich selbst zähle zur Generation Amiga würde ich sagen – die, denen der C64 noch verweigert wurde (wieso braucht mein Sohn einen Computer?). Ich bin seit gut 1987 online, damals noch in BTX und Mailboxen. Als ich schon Software aus dem Internet runterlud haben mir meine Klassenkameraden (Generation C 64) noch erklärt, dass das technisch unmöglich sei. Ich gehöre zu der Generation, die noch die Mühen kennengelernt hat eine EMAIL zu senden und nicht zu wissen, ob die jemals ankommen wird.

Ich habe mit anderen in meiner Stadt, das erste digitale Stadtmagazin herausgegeben und verwende Creative Commons seit 2001 für meine Werke ein. Ich war jahrelang der einzige Mensch in meinem Bekanntenkreis, der überhaupt Email benutzt hat. Ich habe das Bürgernetz Schleswig-Holstein mitgegründet und damals schon (irgendwann in den 90ern) im Rahmen unseres Internet-Dienstages eine Veranstaltung mitorganisiert unter dem Titel „Braucht die Politik das Internet? Braucht das Internet die Politik?“ – thematisch waren wir damals schon dort, wo heute die Piraten zu denken anfangen. Und jetzt kommen irgendwelche Männer an, die die letzen Jahre nichts dazugelernt haben und wollen mir erzählen, was die Stunde geschlagen hat? Ich gehöre nicht zu denen, die ständig mit ihrer Lebenserfahrung rumwedeln, aber mir gehen diese pseudomodernen Machos mehr und mehr gegen den Strich. Im Gegensatz zu den Männern, die sich die alten Zeiten zurückwünschen habe ich mich eben weiterentwickelt und bin nicht beim Thema Internet und Computer stehen geblieben.

Nun kommen die Piraten und streichen die weibliche Form ihrer Mitglieder. Und da atmen einige Männer tief und erleichtert durch – denn wenn sie schon sonst Frauen nicht diskriminieren dürfen, so bietet ihnen diese Partei offenbar die willkommene Plattform ihre Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren – und die wenigen Frauen, die sich dem Votum unterordnen und Mitglieder geblieben sind stimmen da auch gerne ein. Genau, wir Frauen verzichten auf unsere Rechte, das ist wahre Freiheit!

Die Bürgerrechtsbewegung der 80er und 90er (a.k.a. „Grüne“) hat Unersetzliches für unsere Gesellschaft geleistet, muss aber jetzt einsehen, dass es neue Aufgaben zu lösen gilt. Gleichstellung und Umweltbewusstsein sollten zumindest innerhalb des Bürgerrechts-Milieus als Standard gelten. Und zur Überschrift dieses Beitrags: Eigentlich gibt es kein Problem zwischen Frauen und Piraten. Nur zwischen den beiden Generationen der Bürgerrechtsbewegung. Und auch hier nur, weil die ältere sich (wie immer) anstellt.

Was für ein hohles Geschwätz. Ich weiss nicht, was das Bürgerrechts-Milieu ist – die Piraten sind es sicher nicht. Und was soll das bedeuten, das es „Standard“ ist? Es gibt viele Besserverdienende, die mit ihren fetten SUVs zum Shoppen in den Ökoladen fahren. Ja, für die ist Ökologie auch „Standard“. Meine tägliche Erfahrung im Alltag sagt mir, das Umwelt und Gleichstellung immer noch aktuell und brennende Themen sind. Das einzige Problem sind Leute, die meinen das Ende der Geschichte erkannt zu haben. Seien es nun die Klimaverschwörer oder die „Es-gibt-keine-Diskriminierung“-Spinner (oder wie Leute wie Fritz, der offenbar auch an die Mondlandungsverschwörung glaubt). Ihnen allen zueigen ist die Negierung unbequemer Tatsachen. Wo man sich selbst und sein Verhalten etwa in Frage stellen muss. Aber nein, Selbstkritik ist ja sowas von vorgestern. Piratenpartei & Co haben es da viel leichter – hier kommt der Kernsatz noch mal „ eine Partei gebildet, die alles, wofür ihr gekämpft habt, als Selbverständlichkeit betrachtet“ Seht ihr – so einfach ist das – ihr blöden Feministinnen – man muss es einfach nur als Selbstverständlichkeit betrachten und schon verschwinden Probleme. So sollten Hungernde vielleicht auch einfach Wohlstand als Selbstverständlichkeit betrachten und schwupps, weg ist der Hunger!? Gleichberechtigung ist ebenso wenig selbstverständlich wie Demos ohne Polizeigewalt. Aber wahrscheinlich glauben manche, der Demonstrant müsse hier auch nur feste an die Gewaltfreiheit der Polizei glaube. Hey, wenn ihr ganz fest dran glaubt, verschwinden vielleicht sogar die entsprechenden Szenen vom Video?

Wie ich in anderen Beiträgen schon ausführte, ist der Ansatz einer Avantgarde und ein unbeirrter Fortschrittsglaube das eigentliche, was von vorgestern ist. die Rassenprobleme in den USA damals verschärften sich, bevor Bürgerrechtler zum Widerstand aufriefen. davon, das irgendwer etwas für selbstverständlich erklärt, ist noch gar nichts erreicht! Und was ich hier sehe ist der Versuch eine Verschlimmerung der Gleichberechtigung herbeizuführen, gespeist durch Ignoranz und Dummheit – und per selbsternanntem Elitenstatus. So meint man sich der Kritik insgesamt entziehen zu können. Alle die nicht kapieren, das die PP die Avantgarde sind, sind eben von vorgestern.

Woran erinnert mich das noch gleich? An die fanatische Begeisterung für Maos Ideen z.B.:

Ich sehe hier kaum Beiträge von kritisch denkenden Piraten, sondern sehr viel AOL/me too von Anhängern der PP. In dem Falle findet der Bezug eben nicht auf Mao statt, sondern auf eine Ideologie, die sich selbst als jenseitig der Kritikfähigkeit definiert. Revolutionär auf seine Art, aber m.E. auch brandgefährlich.

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