Reflexionen zur Denke der Piraten

Die Reaktionen von Piraten auf meinen letzten Artikel haben zum einen viele meiner Vorurteile bestätigt. Zunächst einmal: Ich habe die Piraten zur Europawahl gewählt und habe ihnen gegenüber grundsätzlich eine gewisse Sympathie gehabt. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass da so einiges nicht stimmt.

Ich denke die Piraten sind zum einen Sammelbecken für viele Spinner oder gescheiterte Existenzen – gleichzeitig gibt es dort auch einige intelligente Menschen, die sich zum Teil erstmalig in Ihrem Leben engagieren. Ohne statistisches Material zu haben denke ich, das der durchschnittliche Pirat so Jahrgang 1983 ist – meist erheblich computeraffin. Diese Männer beobachten so wie auch andere die Entwicklung der letzten Jahre kritisch. Sie sind es evt. gewohnt per Filesharing herunterzuladen und verstehen nicht, warum dies illegal sein soll. Sie lehnen die immer weitergehende staatliche Überwachung ab – und sehen in Zensur eine Bedrohung.

Aber viele – auch die Älteren haben einige weisse Flecken. Eine Computeraffinität bringt oft mit sich, das  die Lektüre von anderer Literatur und Themen eingeschränkt ist. So wie viele Politiker nicht wissen, was ein Browser ist, so wissen viele von ihnen nicht, was sich in verschiedenen Themengebieten in den letzten Jahren als Diskurs in der Wissenschaft oder der Politik herausgebildet hat.

Vielen Piraten zu eigen ist offenbar eine Sichtweise ÜBER einer Vielzahl von Diskursen zu stehen. Es ist zwar wahr, das die Piraten als neue Partei in keiner Tradition steht. Aber der Agnostizismus, der da oft zu tagte tritt, wenn es um fundamentale politische Fragen geht, scheint oftmals mehr gespeist von allgemeinen Vorurteilen des Pressemainstreams. Es wird wenig hinterfragt warum links links und rechts rechts ist. Man definiert sich ja jenseits dieser Konzepte. Dadurch kam es in der jüngeren Vergangenheit durchaus auch zu vielen Kontakten mit rechtsradikalen Neumitgliedern. Für jemand aus der DVU ist es einfach nicht klar, das und ob die Piratenpartei nicht doch patriotisch-nationalistisch ist? Viele Felder sind unbesetzt, es ist eine dynamisch wachsende Partei – Unterschiede und unangenehme Fragen werden da vor allem jetzt in der Zeit des Wahlkampfes als unerheblich weggespült. Doch wie hoch ist die Übereinstimmung der Mitglieder untereinander tatsächlich? Die PP erlebt ein Hoch – und mit ihr die Mitglieder. Auf einer relativen Erfolgswelle schwimmend wächst auch das Selbstbewusstsein sowohl der Partei als Ganzes als auch ihrer Mitglieder. Viele der Mitglieder waren aber vor kurzem noch apolitisch und wurden entweder durch Propaganda der PP oder Gesetze oder Politiker politisiert – oder anders ausgedrück politisch aufgeladen.

Sie wollen etwas ändern, sie sind gelangweilt vom Gestern und Heute. Für sie erscheinen die Bundespolitiker von heute wie Wesen aus der Steinzeit. Es gibt da ein Wissensgefälle. Die Piraten haben einen Wissensvorsprung im Verständnis des Internets. Aber sie haben große Defizite  bei vielen gesellschaftlichen Themen – und was das gefährlichste ist – sie wissen es nicht. Vieles, was man als eklatante Unkenntnis erkennen kann halten sie für fortschrittlich. Man merkt, das viele Informationen oder Fragen sie nie beschäftigt haben – man merkt  es daran, das sie gar nicht direkt auf die Kritik eingehen können, sondern sich an ganz anderen Argumenten aufhängen oder die Kritik als solches als veraltet negieren.

Damit vergeben sie viel Chancen zum Lernen. Auch wenn der Weg des Erfolges im nächsten Jahr noch weiter gehen dürfte, so fürchte ich, das dies eine verdammt harte Bauchlandung für viele Piraten geben wird an vielen Orten, wo sie mit aller Härte auf die Realität treffen werden. Bereits der Fall Bodo hat eine gewisse Hilflosigkeit offenbart.

Am Ende könnte, wie auch bei den GRÜNEN ein Verrat und aus Verkauf ihrer Ideale stehen. Dann erhalten sie sich vielleicht ihre heissgeliebte Geekattitüde, sind aber in der Realität bereits in Koalitionen und passen sich dem herrschenden System an, werden Teil von diesem. Die Piraten bringen frisches Blut ins parlamentarische System – doch die große Frage ist, ob sie nicht einfach nur eine Auffrischung bringen – aber im Wesentlichen nichts ändern?

Es ist nicht an einer der anderen Parteien die PP zu kritisieren. Denn mittlerweile gibt es ja nur noch sozialdemokratische Parteien – von FDP bis Linke. Das Sammelsurium, das sich da in der PP ergibt ist zunehmend unberechenbar. Entsteht hier eine neue FDP oder eine neue GRÜNE Partei? Unberechebar heisst, das man nicht weiss, was die Stimme für sie bringen wird. Aber wo weiss man das schon? Die Piraten als Betrachtungsobjekt sind spannend – obgleich mich die dort oft wahrzunehmende Arroganz und Geekattitüde zunehemend abnervt. Mich interessieren Ergebnisse – z.B. die Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung. Ich sehe nicht, wie uns die PP da derzeit einen Schritt näher zu bringt. Ich glaube das, was ich sehe oder was ich greifen kann. Die PP besteht aus einer Vielzahl an Anhängern, die wenig bis gar nichts in den jeweiligen Themengebieten aktiv getan haben. Da herrscht viel Aktionismus vor. Ich finde es grundsätzlich gut, wenn unpolitische Leute plötzlich anfangen politisch zu denken – aber ich habe meine Zweifel, wenn dies sehr schnell passiert und das politische Wissen ganz offenbar nicht mithalten kann mit dem Wachstum einer Bewegung. Und da ist es oft auch einfacher mitzuschwimmen, als sich kritisch gegenüber seinen Mitbewegten zu äußern oder zu verhalten.

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Reflexionen zur Denke der Piraten

16 Gedanken zu “Reflexionen zur Denke der Piraten

  1. krypt0n schreibt:

    Was ist das für eine Arroganz von deiner Seite aus? Da gibt es Menschen mit gleichen Interessen, die sich zusammentun um etwas zu ändern, was offensichtlich schief läuft und du meinst, dass man sich nicht engagieren darf wenn man sich nicht schon mit allen Themen auskennt? Du meinst eine neue Partei die aus vielen vorher nicht-politischen Menschen(innen) besteht, muss von Anfang an alles richtig machen und hat keine Entwicklungszeit zu beanspruchen? Du hast wohl vergessen wie es mit den Grünen angefangen hat und da waren wesentlich mehr politischerfahrene beim Start dabei.

    Jede neue Parteiengründung ist ein Sammelbecken für alle politischen Strömungen und Richtungen, dass war bei der Grünen genauso, oder hast du die Rechten vergessen die am Anfang dabei waren? 🙂
    Und bei uns soll es also alles vom ersten Tag an perfekt laufen! Tut mir leid, aber offensichtlich hast auch du keine Expertise in manchen Themen, z.B. was Entwicklung von Parteien angeht. Genauso nimmst du offensichtlich nur die Leute war, die nicht ins Raster passen (Spinner etc.). Aber soll ich dir was sagen? Es ist vllt. online so, dass es Leute gibt die „andere“ Ansichten Vertreten usw., aber offline auf den Stammtischen usw. haben diese keine Chance (wir hatten da auch letztens so einen Fall). Das liegt einfach daran, dass die größte Teil der anwesenden Leute einen eigenen Informations- und Erfahrungsstand hat und sich nicht durch dubiose Behauptungen von „Spinnern“ einlullen lässt.

    Gerade jetzt, wo wir ~100 neue Mitglieder am Tag bekommen, werden wir ein bisschen Zeit brauchen um zu sieben. Aber über -> konstruktive <- Kritik freuen wir uns natürlich immer 😉

    Gruß
    Daniel – Pirat

      1. Andreas schreibt:

        Wer im GLashaus sitzt…
        Wo ist deine Ahnung zu diesen Themen? Warum hast Du denn nicht eine Partei gegründet die sich mit all den Themen befasst, die Du bei den Piraten so vermißt. Dein Beitrag oben strotzt nur so vor oberlehrerhafter Arroganz. Wo ist deine Lebensleistung, die diese Aroganz rechtfertigt, oder bist du ein Politkexperte weil Du mal gewählt hast?

      2. rob schreibt:

        Hmm, aber genau andersrum wird doch ein Schuh draus: die PP redet eben _nicht_ mit, bei Themen von denen „sie“ nichts versteht. Das ist doch gerade das ehrliche und bewusste. Sicherlich wird man laengerfristig die Kompetenz aufbauen und ausweiten muessen, auch auf Felder wie Feminismus usw. Und dabei sollte man, wenn man die Kernthesen der PP gutheisst, nach Kraeften helfen.

        PS: warum ist eigentlich links links und rechts rechts, wenn man jetzt mal die Julimonarchie (gelobt sei Wikipedia) ausser acht laesst?

      3. Also Du würdest auch Parteien für wählbar halten, die z.B. Vorratsdatenspeicherung und Zensur ausklammern? Ich erwarte nicht auf alles eine Antwort, aber Bürgerrechte sind wie gesagt unteilbar.

  2. Von einer Partei, die sich basisdemokratischen Prozessen verschrieben hat und die in der Masse etwas über 3 Monate alt ist, ein vollständiges Parteiprogramm und in Deinem Sinne ideologische Perfektion zu verlangen ist… ambitioniert. Und ein wenig arrogant, da muß ich meinem Vorposter Rest geben.

    Ansonsten begrüße ich daß die Piratenpartei bewußt von vorhergehenden Diskursen unbelastet in ihre interne Diskussion geht, bzw, historische Ergebnisse zunächst von ihren eigenen Prozessen trennt. Daß man das dann trotzdem vergleichen muß, ist davon unbenommen – und passiert auch.

    1. Niemand verlangt Perfektion. Aber die Richtung, in die sich die Piraten entwickeln ist nicht unbedingt positiv. Und wer sich zur Wahl stellt, muss sich auch dem Vergleich stellen. letztendlich möchte die Piratenpartei bundespolitische Verantwortung übernehmen, auch wenn sie dies realistischer Weise bei dieser Wahl noch nicht tut. Und daher ist es legitim sie nicht nur bei den Kernthemen ernst zu nehmen.

  3. Wie kann man als offensichtlich intelligente Person dennoch der Pauschalisierung verfallen? Absicht?

    Ich habe in den letzten drei Monaten viele Piraten, vor allem Neu-Piraten, persönlich kennengelernt und war überrascht von der hohen politischen Kompetenz.

    Einseitige Interessen bzw. Informiertheit kann man diesen Leuten sicher nicht (mehr) vorwerfen. Ich komme zum Beispiel häufig in eine IT-Abteilung einer großen Firma, in der etwa 40 Leute arbeiten, von denen sich viele zu den Piraten hingezogen fühlen und einige bei den Piraten aktiv sind. Die meisten dieser Menschen haben Familien und vielfältige Interessen und nutzen ihren heimatlichen PC lediglich als alltägliches Werkzeug – eins unter vielen. Ich würde sie als überdurchschnittlich allgemein-informiert bezeichnen.

  4. Piraten, Piratinnen, PiratInnEn – Feminismus und Freibeuterei…

    Ich wollte mich aus der Piraten-und-Gender-Debatte eigentlich raushalten, aber naja, the best laid plans of cats and men usw.

    Ich sehe, wie da massiv – und eigentlich unnötig – aneinander vorbei geredet wird (teilweise aber auch, so scheint es, aggr…

  5. thopre schreibt:

    „Sie sind es evt. gewohnt per Filesharing herunterzuladen und verstehen nicht, warum dies illegal sein soll. “

    Hallo! Aufwachen! Filesharing per se ist (noch) nicht illegal.

  6. Die letzte Statistik vor dem Boom war ein Durchachnittsalter von 39.

    Ansonsten solltest du nicht Von Kommentaren und Forentrolls auf die aktiven der Piraten schließen.

    Wer wissen will wie sich die Stimmung zu Allgemeinen Wahlthemen ist dem sei im Pieatenwiki die Wahl-O-Mat FAQ nahegelegt.

    Gruss
    Bernd

  7. PiratMuc schreibt:

    Na, „Frau Schmoller“ 😉

    Au weia, da gibt es doch tatsächlich Kommentare, die nicht gegendert sind und dann: Rückzug unter massiver „Klarstellung“ der ganzen „Ungerechtigkeiten“.

    Weißt du, ich als Frustrierter und Labiler, politisch Inkompetenter mit (Harn)drang zur Inkontinenz, der drei Jahrzehnte GM von den Anfängen bis zu den Auswüchsen heute miterlebt hat, werde genau diese Partei wählen!

    Nicht, weil ich in dein Raster passe – sondern, weil die „Schablonen“ dringend geändert, nicht weiter gegendert gehören.

    So, nun gebe ich mich weiterhin meinem Selbstmitleid, meiner Opferhaltung etc. hin. Und werde trotzdem zur Wahl gehen. Nur, die, die die „männliche Gesellschaft“ überwinden wollen, die bekommen meine und hoffentlich Volkes Stimme nicht (mehr)!

    Ich war dumm genug, diese Parteien über eine lange Zeit zu wählen. Und bei den GrünInnen gibt es ja kaum noch Männer 😉 Passt schon, muss ja ..

    Alles Gute und danke für dieses Podium und die Diskussionsplattform.

    Ein Pirat, der von D-Land schon lange die Nase voll hat und jetzt anfängt zu „schneuzen“.

  8. PiratMuc schreibt:

    Ach ja, fast vergessen. Der (sorry, Die SpiegelInn) in einem sehenswerten Bericht vom gleichnamigen …-TV:

    http://www.spiegel.de/video/video-1019217.html

    Tja, hätten wir nur diese „Probleme“ … Es geht um ein Pixie-Buch und Demokratie. Und dabei werden tatsächlich mal die Ursachen angesprochen. Wow 🙂

    Zurück zu den Piraten: Recht haben sie mit ihrer Informationsfreiheit und gut, dass sich die Menschen endlich wehren!

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