Readers Edition und Bürgerjournalismus

Die Idee des Bürgerjournalismus als solches ist interessant.

„Partizipativer Journalismus ist die Tätigkeit eines Bürgers oder einer Gruppe von Bürgern, die eine aktive Rolle im Prozess der Recherche, des Berichtens, des Analysierens sowie des Verbreitens von Nachrichten und Informationen einnehmen. Ziel dieser Partizipation ist die Bereitstellung von unabhängigen, verlässlichen, genauen, ausführlichen und relevanten Informationen, die eine Demokratie benötigt.“

Die “Readers Edition” definiert sich als:

“ eine Plattform, die eine völlig neue Art von Journalismus möglich macht. Werden Sie selbst Redakteur. Wir geben Ihnen die Möglichkeit, eigene Geschichten, Berichte und Fotos zu veröffentlichen. […] Jeder kann zum Journalisten werden, der Platz ist unbegrenzt. […] Schreiben Sie über das, was Sie bewegt. Schreiben Sie eine Kurzmeldung oder einen langen Bericht, eine eigene Einschätzung oder eine Nachricht. Geben Sie “Readers Edition” Ihre eigene Sichtweise.

Alle Berichte müssen journalistischen Grundsätzen des Pressekodex folgen: Die Fakten müssen stimmen, unbestätigte Gerüchte oder Vermutungen werden nicht veröffentlicht. Zudem darf sich durch Berichte niemand beleidigt oder zu Unrecht beschuldigt fühlen. „

Das ist die Theorie. Inzwischen hat aber ein massiver Verfall der Inhalte Einzug gehalten. Bezahle Journalistinnen werden von der Blogform GmbH beauftragt Inhalte aus dem StudiVZ herauszukratzen. Nicole Oppelt veröffentlich offenbar täglich vier solcher zusammengekratzten Meinungen aus dem StudiVZ. Man bezahlt also professionelle Journalistinnen, um Meinungen von Usern anderer Portale in kurzen Beiträgen wie diesem unter studiVZ-Watch zusammenzufassen.

Die Blogform GmbH versucht auch anderweitig auf den Mainstream-Zug aufzuspringen mit dem neuen Portal Bürgerinfo09.de. Nach eigenem Bekunden eine „eine völlig neue Nachrichten-Website“. Bei genauem Hinschauen erscheint es aber als nur ein weiteres Metaportal. Es gibt viele Nachahmer von Youtube, Twitter & Co. Während erstgenannte Portale zwar bekannt sind, aber nicht unbedingt kommerziell erfolgreich, sieht es für viele der Klone nich schlechter aus. Am allerschlechtesten aber für die Portale, die nichts tun, als einen mix verschiedener Portale neu zusammenzumixen. Ein ähnliches Konzept versucht man wohl gerade auch der Readers Edition aufzudrücken. Zuvor hat man schon die Nutzung von Amazon-Rezensionen aufgenommen. Auch diese professionell zusammengefasst.

Mit der ursprünglichen Definition von Bürgerjournalismus hat das nichts mehr zutun. Es wird aber als solches verkauft. Ein Etikettenschwindel. Dazu kommt, das eine zentrale Redaktion und nicht etwa die Kontrolle über ihre Beiträge haben. Bereits 2007 haben viele Autoren und Moderatoren das Projekt verlassen (müssen). Offenbar ist man nun dabei aktiv den Gedanken des Bürgerjournalismus weiter zurückzudrängen zugunsten einer aufgewärmten Brühe an Meinungen, die man irgendwo im Netz findet. Statt Bürger die recherchieren, fassen Journalisten zusammen, was irgendwer irgendwo mal im Netz von sich lässt. Leider verbreitet sich diese Art des Journalismus immer mehr. Nur weil irgendein zufälliger Paul2456 irgendetwas sagt, hat dies doch noch keine Bedeutung. Wo sind wir nur gelandet. Hat man vor Jahren noch skeptisch auf kritischen Bürgerjournalismus geschaut, so bezahlt man nun Journalisten dafür zufällige Meinungsbilder einzufangen. Und damit ist jeglicher Manipulation und Subjektivität Tür und Tor geöffnet. Was ist mit dem selbstgewählten Grundsatz „Die Fakten müssen stimmen, unbestätigte Gerüchte oder Vermutungen werden nicht veröffentlicht.

Die Readers Edition ist schon seit längerem ein Pool für die wirrsten Gerüchte und Verschwörungstheorien. Vom Autor, der sich über den Angrif auf Mannichl lustig macht bis zu diversen Klimaskeptikern, die z.B.  den Umweltsünder ExxonMobil  hochleben lassen oder der Weigerung die Schädlichkeit von Sonnenstudios anzuerkennen findet man jeden Schwachsinn und jede Hetze, die man sich nur denken kann. Vielleicht hat man deswegen am 19. Juni zum letzten mal ein Best-Of von Artikeln erstellt? Sinkende Qualität – vermutlich auch sinkende Leserzahlen. Da möchte man gerne viel Content generieren und möglichst wenig dafür ausgeben. Man hat es verabsäumt die Autoren frühzeitig an der Weiterentwicklung des Projektes zu beteiligen. Das verwendete WordPress hat seit Jahren seine Macken, die nicht beseitigt werden. Man hat es versäumt ein Autorenkollektiv an sich zu binden, dass gewissen Mindeststandards einhält und eben nicht das Portal mit Gerüchten und Vermutungen zu überschwemmen.

Alles zusammengenommen scheint das Projekt keine große Zukunft mehr zu haben, denn es steuert etwas führerlos umher – immer hinter den großen Megatrends hinterher. Vielleicht war der Geburtsfehler auch, dass dieses Projekt nicht von Autoren gegründet wurde, sondern von einer Firma, die von vorneherein nur daran dachte, Autoren, die unbezahlte Schreibarbeiten leisten auszunutzen, ohne ihnen auch ausreichende Rechte an den eigenen Werken einzuräumen. Immerhin setzte man früh auf eine freie Lizenz. Doch wenn die Qualität nicht stimmt, hilft dies auch nicht. Für ein Back-To-The-Roots ist es offenbar zu spät, denn der Ruf des Projektes ist bereits ruiniert.

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