Was ist die Netzcommunity?

Manche Normalbürger fragen sich ja: Was ist die Netzcommunity? Sascha Lobo meint DIE Community gäbe es gar nicht. Das stimmt auch zum Teil. Die Netzcommunity ist sehr divers und auch unterschiedlich alt.

Die Wurzeln der Netzcommunity wie sie sich derzeit auch bei den Piraten tummelt liegen m.E. im Kern in den 80ern. Zu den Zeiten der Mailboxen. Als die Hackerkultur am aufblühen war.

Mit einem Modem konnte jeder mit Computer und über das Telefonnetz eine Verbindung zu anderen Rechnern aufbauen, die sozusagen „Server“ waren, vergleichbar zu den heutigen Webservern. Dort haben wir vieles von dem gemacht, was heute auch gemacht wird: Gechattet, in Foren geschrieben, Emails geschrieben, Musik und Bilder heruntergeladen. Jedoch hat man zu Anfang immer nur die Inhalte herunterladen können, die in der Mailbox selbst vorhanden waren, oder via Newsgruppen hereinkamen. Die Newsgruppen stellten meist die einzige Verbindung zwischen den Mailboxen her. Systeme wie UUCP erlaubten Inhalte Offline auszutauschen und war auf Unixsysteme vorinstalliert. Als Linux als freies Unix verbreiteter wurde war allerdings auch schon die große Zeit der Mailboxen vorbei. 1995 begann bereits die Zeit des modernen Internets (mit dem graphischen Browser Mosaic).

Aber zurück zu den Anfängen: Was man in Mailboxen und Newsgruppen tat, war oftmals primär sich auszutauschen, zu streiten (Flamewars), Daten auszutauschen (also zu teilen), und auch sich im realen Leben zu treffen. Wir haben zu der Zeit gelernt, ich habe gelernt. Natürlich haben die Erfahrung diejenigen nicht gemacht, die entweder zu alt oder zu jung waren in den 80ern am Computer dabei zu sein. Aber es entstand eine gewisse Kultur mit eigener Sprache und eigenen Regeln – diese Kultur hat sich auf jüngere Leute vererbt. Ich denke im Grunde waren auch wir Jugendlichen der 80er schon beeinflusst von den wenigeren Älteren, die weit früher schon z.B. Unix erfunden hatten, oder die das WWW erfand (Berners Lee) oder von Alan Kay (Objektorientierte Programmierung/Smalltalk).

Halten wir mal fest, was das Ergebnis dieser Kultur war:

  • Unix mit TCP/IP (Basis des Internets)
  • WWW / HTML
  • Linux, BSDs  / Freie Software Bewegung
  • Freie Inhalte, Creative Commons (Lawrence Lessig)
  • Chat und Instant Messaging
  • Grafische Benutzeroberflächen
  • Objektorientierte Programmierung
  • uvm.

Es geht nicht um das Detail – es geht hier darum das hier Ideen weitergetragen wurden. Zu einem großen Teil wurden diese Ideen auch einfach kommerzialisiert (Windows, Java, AIM,…). Aber der Kern der Ideen wurde nicht kommerzialisiert und die Netz-Kultur schuf ständig neue Ideen.

Heute ist die Netz-Kultur aus verschiedenen Gründen am nächsten am Puls der Zeit. Der wesentliche Grund ist, das die Gesellschaft sich technologisch unserer Kultur angenähert hat, weil sie auch schnell kommunizieren wollte – und weltweit. Der Siegeszug des Internets fand trotz massiver Blockaden der damaligen Onlinedienste statt. Der Sieg des Internets war die schwerste Niederlage für Compuserve, Microsoft, AOL, T-Online & Co..

Ermöglicht wurde das nicht zuletzte dadurch das die digitalen Technologien zum Teil aus Selbstlosigkeit einfach geteilt wurden (GNU, Linux, WWW) anstatt sie patentieren zu lassen. Ohne Freie Software kein Internet. Simple as that. Aber das hat die Gesellschaft damals wie heute nie verstanden. Stattdessen hat man das kostenlose Teilen immer mehr als Bedrohung des kapitalistischen Ethos verstanden.

Und im Grunde wird derzeit der Kulturkampf weitergetragen. Die Idee von Creative Commons explodiert förmlich. Nun werden massive Fragen gegenüber dem bisherigen Urheberrecht laut. Die dominierende Kultur möchte das Internet wieder eindämmen durch Zensur oder die Aufhebung der Netzneutralität. Man hat zwar Freie Software und Internet gerne als Geschenk genommen, meint nun aber, das man es doch besser alles wieder partitionieren und kontrollieren sollte.

Inzwischen hat sich aber die Netz-Kultur weiterentwickelt – und aus Linux-Usern, Tauschbörsennutzern, „Websurfern“, Kreativen,… sind politisch denkende Menschen geworden.  Zum einen sind viele von uns älter geworden – und wir sehen mehr als nur den Spass und die Technologie, sondern wir sehen den Versuch die Uhr zurückzudrehen, bzw. das zu etablieren, wovor uns z.B. 1984 zu warnen versuchte. Ein Großteil der Netz-Community versteht die Motivation der Schäubles und von der Leyens. Man ist zwar alltagspolitisch oftmals noch naiv und weit weniger ideologisch gebildet als viele Linke (Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten,…), aber auf der anderen Seite gibt es eine viel größere Offenheit bestehende Themen einfach anzuschauen und Lösungen auszuarbeiten in einer kooperativen Weise, wie man es halt schon seit Jahrzehnten macht beim Patchen von Software. Fehler finden und beheben. Und das ist neu für die Politik. Politik wird heute doch meist mit einem großen Apparat erledigt, wobei die Steuerung von Wenigen erfolgt und niemand weiss so recht was passiert.

Oder anders: Wer die Linux-Entwicklung verwalten kann, für den stellt ein Staat an Komplexität kein Hinernis dar. Hindernisse bestehen in der Politik eher durch bestehende Strukturen, Intransparenz, Korruption und unlogischen Denkmustern.

Hier gibt es einen fundamentalen Clash zwischen der alten Politikerdenke, die zum einen bestimmte Zielvorgaben definiert, im höchsten Maße manipulierbar ist durch Lobbys – und andererseits aber wenig an der Realität ausgerichtet ist. Auf der anderen Seite wird von Seiten des Netzes versucht für reale Probleme die beste Lösung zu finden. Das größte Defizit ist dabei derzeit die mangelnde Transparenz. Das heisst es sich nicht alle Informationen verfügbar, die man benötigen würde.

Die Netzcommunity wie z.B. die Piraten nutzt dabei aber aktiv Werkzeuge wie Wikis um miteinander zu kooperieren und Informationen offenzulegen. Ich beobachte hierbei zur Zeit folgendes:

  • Unheimlich schnelle Lernprozesse
  • immenses Wachstum an Mitgliedern der Piraten und Aktiven insgesamt
  • Niemand weiss so richtig, was als nächstes passiert
  • Verschiedene Projekte und Aktive beeinflussen sich gegenseitig, regen sich an und kooperieren, teilweise ohne zentrale Strukturen zu nutzen
  • Es gibt noch große Lücken und Unklarheiten bei verschiedenen Themen, dann aber auch spontan entstehende Konsense

Diese Entwicklung, von der die Piratenpartei nur ein Ausfluss einer langen Entwicklung ist passiert nach meinem Gefühl halt seit ungefähr 30 Jahren. Zur Zeit verdichtet sich vieles mehr und mehr – Leute finden zueinander und bewegen sich abseits ihres Berufes und sonstigen Aktivitäten plötzlich politisch. Dabei ist diese Bewegung vollkommen unabhängig von Sozialdemokratie, sozialistischen Idealen oder rechter Gesinnung. Ja man ist sogar bestrebt sich von allem fern zu halten. Und gerade das macht die Piraten so attraktiv auch für viele Wähler. Viele mögen einfach die klassischen Parteien nicht mehr sehen – von CSU über GRÜNE bis Linkspartei – keiner bietet neue Lösungen an. die GRÜNEN waren zum Anfang auch ähnlich hoffnungsfroh und wurden dann von Realos gestoppt. Aber die Piraten bewegen sich nicht in klassischen Mustern. Setzten sich GRÜNE noch aus verschiedenen politischen Strömungen zusammen, so sind die Piraten primär geprägt von bisher apolitisch denkenden Menschen, die jetzt nur sagen: Es Reicht! Das heisst natürlich auch, das wir alle nicht wissen wo es hingehen wird – aber wenn ich etwas prophezeien darf, so dass sich die Art wie man Politik macht radikal ändern wird.

Wer einmal gesehen hat wie man in einem Rathaus arbeitet und wie ich aus der IT kommt, der weiss: So kann Verwaltung nicht funktionieren. und so ist es im gesamten politischen Apparat: Alles ist aufgeblasen, ineffizient, ungerecht, monolithisch.

In den kommenden Monaten wird sich zeigen wie es sich weiternentwickeln wird. Meine Prognose ist, das die Piraten zumindest an den 5 % zur Bundestagswahl schrammen werden, wenn nicht sogar überspringen. Es ist faszinierend zu beobachten welchen Aufschwung sie gerade nehmen und wie sie nun in jedem Bundesland (das letzte was noch fehlte war Sachsen-Anhalt) aktiv sind. Ich hoffe sehr, das das alles sich in eine positive Richtung entwickelt, genug Zeit bleibt das eigene Handeln selbstkritisch zu beleuchten. Die geringe politische Erfahrung ist hierbei sowohl vor- als auch Nachteil. Ich hoffe das die Piraten nicht von irgendwelchen Idioten unterwandert werden und das sie einen hohen demokratischen Standard im Umgang miteinander pflegen werden. Dann sehe ich durchaus erhebliches Potential für die Piraten, die in der Lage wären viel mehr Bürger in Beteiligung einzubinden, als alle anderen Parteien zusammen. Noch ist es nicht Zeit, das man Erwartung dämpfen sollte. Bisher läuft das alles ganz positiv ab.

Fazit: Was wir hier sehen ist also keine neue Partei, sondern eine sehr alte Tradition (vielleicht in ihren Ursprüngen weit älter als die GRÜNEN), die sich ihren Weg in die Parteienlandschaft gebahnt hat.

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