Kapitän der Piraten im Kreuzfeuer FAIL oder WIN?

Am 22. Juni durfte der Kapitän der Piraten Dirk Hillbrecht mal bei PHOENIX einiges erklären. Er selbst hat dazu auch schon einen kleinen Beitrag mit dem Titel „Komm‘ ich jetzt ins Fernsehen?“ geschrieben. [Link zur Sendung].

Jürgen Fenn hats offenbar gar nicht gefallen, denn er schreibt unter „Die „Piraten“ wurden vorgeführt„:

Hillbrecht bekam während der gesamten 45 Minuten, die die Sendung dauerte, keinen Fuß auf den Boden. Er war der Diskussion argumentativ und inhaltlich überhaupt nicht gewachsen und wurde regelrecht vorgeführt.

Ich kann dem nicht beipflichten. Meine Erwartungen waren vielleicht auch geringer. Aus meiner Sicht hat Hillbrecht gut standgehalten. Ich sehe das ganze auch mit etwas Abstand: Unsere (NetCommunity) Thesen werden zum ersten mal wahrgenommen. Die Leute hören diese Sachen defakto zum ersten mal – ja auch wenn Piraten und AK Vorrat seit Jahren auf die Straße gehen.

Dann sind viele Thesen einfach noch zu radikal und schwer zu fassen. Scholz war sehr verunsichert und hat stark polemisiert. Hillbrecht reagierte darauf nicht mit gleicher Münze und ließ so manche Kontermöglichkeit vergehen. Die war m.E. vor allem an dem Punkt gegeben wo nach dem  für Scholz verlorenen Punkt der Internetzensur er auf das Urheberrecht auswich. An diesem Punkt hätte ich mir gewünscht Hillbrecht hätte sowas gesagt wie „Danke Herr Scholz, dass sie das erwähnen – genau das ist das Problem: Wir haben ein Zensurgesetz gegen Kinderpornos und reden jetzt wenige Tage schon vom Urheberrecht. Wofür wird es dann erst nach der Bundestagswahl noch eingesetzt werden?“ Und auch der Hinweis fehlte, dass in vielen Ländern bereits Sites geblockt werden, von denen man weiss, das sie nichts illegales enthalten ausser eine andere Meinung zur Zensur – sprich wir haben in Europa bereits real existierende politische Zensur. Also kein Hirngespinst.

Der Sprung zu den Urheberrechten erforderte dann aber eigentlich eine ganz andere Diskussion. Hillbrecht verweist in seinem Blog bereits darauf, das nicht so klar war, worüber eigentlich geredet werden sollte. Ich denke das lag daran, das die Macher die Thematik nicht verstanden hatten.

Dann muss man ja sagen, das der Moderator Christoph Minhoff eigentlich nur den Adjutanten für Scholz gab. Er hat Scholz glaube ich nur einmal etwas kritisches gefragt. Ansonsten waren es 45 Minuten Kreuzfeuer. Von der Ausgangslage her eigentlich kaum zu gewinnen. Ich meinte aber bei Scholz durchaus eine gewisse Bewunderung für die Tapferkeit seines jungen Gegenübers erkennen zu können.

Waren wir also mal die Relationen: Ein Polit-Anfänger gegen zwei Politprofis, die sich die Bälle zuspielen. Vergleichen wir das mal mit Basketball: Du bis Anfänger im Basketball und sollst gegen zwei NBA-Profis spielen, wie stehen die Chancen?

Alle Parteien, die nicht den Mainstream abbilden haben es da gehörig schwer in Mainstream-Sendern. Das mit einem gewissen Plus zu überleben schafft nur jemand der Klasse Gysi.

Hillbrecht wirkte meistens ruhig und besonnen und brachte einige Punkte die die Zuschauer sicher zum ersten mal gehört haben. Und darum ging es hier eigentlich: Die Zuschauer, die Öffentlichkeit warm machen für das, was kommt. Hinzu kommt, das die Argumente der Piraten bisher nicht immer ganz stringent sind und auch in vielen Fragen noch Löcher aufweisen.

Scholz ist ein alter Hase, hat sich aber argumentativ oftmals mächtig verrannt. Gemerkt haben das dumme Zuschauer nicht – aber ich denke so mancher Intellektuelle der die Piraten skeptisch beäugt hat wird sich gedacht haben: Mensch, der Kerl hat recht – und Scholz speit mal wieder nur Gift und Galle!?

Erstaunlich finde ich, das Rupert Scholz offenbar vielen Piraten nicht mehr bekannt ist. Für einen ehemaligen Staatsrechtler fand ich die Behauptung Patentrecht, Urheberrecht usw. wären ja alle das gleiche schon sehr platt.

Ich habe schon schlimmere Talkshows gesehen. Hauptkritik meinerseits wäre:

  • Am Publikum sah man, das die manchmal gar nicht den Argumenten folgen konnten. Hier hätte man versuchen sollen einfache Argumente zu wiederholen
  • Zu viele verschiedene Beispiele können auch verwirren
  • Bitte, bitte weniger Informatikerfachbegriffe auch wenn die korrekt sind. die meisten Menschen können dem nicht folgen. Z.B. natürlich ist Medium als Internet neutral – aber das muss man so erklären, das es klar wird und nicht so, wie es informatiktheoretisch am korrektesten ist. Das sollte man sich für die Informatikerstammtisch aufheben.

Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl das diese Informatikersprache aber auch ein wenig Juristendeutsch u.ä. ersetzt. Weil sie eher unsere heutige Welt erklären kann als Gesetze. Vielleicht ist das sogar eine der wesentlichsten Änderungen. Aber die Piraten müssen es schaffen diese Sprache sanft einzuführen, damit der Gegenüber auch auf ähnlicher Ebene antworten und der Zuschauer  es nachvollziehen kann. Spannend!

Mein Fazit: Hillbrecht war viel besser als ICH erwartet hatte.

PS: Und nein bitte keine Standard-Rhetorik-Seminare für Hillbrecht, sonst hört er sich irgendwann so an wie Scholz. Gerade die Ungeschliffenheit macht die Piraten doch auch interessant!

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Kapitän der Piraten im Kreuzfeuer FAIL oder WIN?

7 Gedanken zu “Kapitän der Piraten im Kreuzfeuer FAIL oder WIN?

  1. Null schreibt:

    Ja, endlich mal jemand, der es genauso sieht wie ich. 🙂
    Wo Hillbrecht sachlich und wohl durchdacht argumentierte, musste Scholz mit seiner Rhetorikwaffe rausrücken und wirre Argumente bringen. Die Pointe war aber wirklich, dass er darauf beharrte, Patentrecht, Urheberrecht etc. seien gleichzusetzen. Er argumentiert dabei einseitig, ja, sogar abstrakt: Jedem halbwegs gebildeten Menschen ist doch klar, dass Patentrecht und Urheberrecht ganz andere Ziele verfolgen. Klar, sie schützen, „geistiges Eigentum“, aber dennoch ist der Zweck unterschiedlich!

    Deiner Kritik, Hillbrecht würde exzessiven Konsum von Informatikbegriffen machen, muss ich leider widersprechen. Gerade DAS ist mir positiv aufgefallen. Nämlich, dass er logisch und auch für Laien leicht verständlich argumentiert hat.

    Diskutanten rücken mit ihren Rhetorikwaffen erst dann raus, wenn sie sehen, dass sie in ihrer Argumentation unterlegen und nicht stichfest ist. Folglich treiben sie die Gegner metaphorisch in die Ecke. Davon muss man sich gar nicht einschüchtern lassen, denn sie können durch kognitive Überlegenheit überzeugen.

    An die zukünftigen Interviews/Gespräche: Bitte bleibt so sachlich, wie ihr jetzt seid. Lasst euch nicht auf diese Rhetorikschiene herab. Ihr könnt schließlich mit niveauvollen und stichfesten Argumenten punkten und müsst nicht auf emotionaler Ebene punkten (bspw. „Wir tun es nur zum Wohle unserer Kinder“).

  2. simplizissimus schreibt:

    hallo, automatisches trackback hat nicht geklappt, deshalb nochmal eine inhaltliche anmerkung so:

    Urheberrechtsreform der Piraten – Ideen und Irrtümer

    Ich hatte heute Nachmittag die Zeit, mich nochmal intensiv mit dem Programm der Piratenpartei auseinanderzusetzen. Insbesondere das, was die Piraten zum Urheberrecht und der (nicht-)kommerziellen Vervielfältigung schreiben, ist interessant. Ich zitiere mal ein paar Passagen und kommentiere diese gleichzeitig…

    http://simplizissimus.wordpress.com/2009/06/24/irrtumer-der-urheberrechtsreform-der-piraten/

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