Broder vs. Antisemitismus

Zu dem aktuellen Antisemitismus-Streit finde ich den Artikel Die Anti-Antisemitismuskeule sehr treffend. Aus meiner Sicht gibt es seit der Wiederverreinigung einen immer stärker werdenden Antisemitismus und Antizionismus. Aufgefallen ist mir dieser zuerst an mir selbst durch Selbstreflektion und Nachdenken. Etwas was leider wenige Menschen zu tun scheinen. Dadurch aber konnte ich die Denkfehler auch bei anderen Menschen und in öffentlichen Debatten besser erkennen. Einige Auffälligkeiten der Debatten rund um Juden und Israel:

  1. Israel ist ein sehr kleiner Staat mit 7,28   Millionen hat Israel insgesamt ungefähr die Einwohnerzahl der 41.größten Stadt der Welt: Kuala Lumpur (Quelle: Liste der größten Metropolregionen der Welt). Dennoch nehmen die Konflikte dort ein Vielfaches des Raumes in den Medien ein. Der Bürgermeister von New Yorck verwaltet mit fast 23 Millionen Einwohnern also fast die dreifache Menge an Bewohnern als der israelische Premierminister. Wie kann man das begründen? Eigentlich nicht anders als mit dem Schicksal der Juden im Holocaust und ggf. dadurch das hier ein Stellvertreterkrieg ausgefochten wird.
  2. Gehen wir zu den Opferzahlen. Fragen wir wieviele Menschen. Ein UN-Report zählt wohl 322 getötete Palästinenser im Jahre 2007. Jeder Tote ist einer zu viel. Aber wenn wir meinen das das schrecklich ist – und wir andere Konflikte nehmen, so sehen wir z.B.  das 2008 laut dem niedersächsischen Flüchtlingsrat alleine 1861 Menschen bei der Flucht starben. Also fast das 6fache. Oder der Konflikt im Kongo: Dort kamen laut dem International Rescue Comittee zwischen 1998-2005 3,8 Millionen Menschen während gewaltsamer Auseinandersetzungen um. Aber weder die Toten an den EU-Aussengrenzen noch der Kongo sind ein Thema das die Gemüter erhitzt. Das deutet darauf hin, das es nicht um Tote geht oder um Mitleid, sondern darum das in Israel Menschen durch die Hand von Juden sterben. Zumindest meine ich das hier mit mehr als nur zweierlei Maß gemessen wird – und die Frage ist Warum? Grundsätzlich sind Waffen weltweit tödlich und jedes Schicksal sollte uns anrühren – dem ist aber nicht so. Das Handeln Israels und der darin lebenden Juden werden auf die Goldwaage gelegt, während unser eigenes Handeln, wie der Mord an vielen tausenden Flüchtlingen als gerechtfertigt dargestellt wird.
  3. Jede Kritik an der Kritik und der Hinweis darauf das die Kritik sich in erster Linie an der Tatsache orientiert das Juden verantwortlich sind wird als Antisemitismus-Hammer bewertet. Die Kritik an Israel wird zum Teil tabuisiert und zeitgleich wird  behauptet das die Kritik an Israel tabu wäre. Es gibt aber genug Gegenbeispiele. Ich selbst finde auch vieles kritikwürdig – sehe das was Israel tut aber angesichts der Geschichte und der realen täglichen Bedrohung nicht unangemessener als das was wir tun – im Gegenteil. Keiner der Flüchtlinge die die EU erreichen wollen will uns umbringen – sie suchen nur eine wirtschaftliche Perspektive und wollen überleben. Dahingehend sind in der Zahl palästinensischer Opfer eine Vielzahl an Kämpfern die Israel und die Juden vernichten wollen. Also auf der einen Seite Mord ohne jede Not und auf der anderen Seite Tote in einem Konflikt wo es um nicht weniger geht als das Überleben der Juden in Israel. Get the idea?
  4. In Deutschland ist man schnell dabei Juden die sich prominent gegen Antisemitismus äußern das Recht darauf abzuerkennen – auch werden prominente Juden wie Herr Friedmann oft genüßlich öffentlich geschlachtet – was bei vielen Nicht-Juden nicht auf diese weise passiert. Auch wird hier oft ein überhöhter  moralischer Maßstab angewendet, der gar nicht erfüllbar ist. Und wenn er nicht erfüllt wird, wird dann auch gleich auf alle Juden zurückgeschlossen.
  5. Jemand hat einmal sehr weise darauf hingewiesen das in der Öffentlichkeit oft auch der Begriff „Jude“ vermieden wird und stattdessen von „Sohn/Tochter“ einer jüdischen Familie gesprochen wird. Es wird also nicht darauf verzichtet auf die angebliche Zugehörigkeit zu einer Gruppe hinzuweisen – aber der Begriff selbst wird umschifft, weil dieser im Dritten Reich als Schimpfwort galt. Offenbar ist diese Deutung tief in die „deutsche Seele“ eingegraben, wbenso wie:
  6. Offenbar fühlen viele Deutsche das jemand tatsächlich entweder „Deutscher“ ODER „Jude“ sei. Das ist natürlich totaler Unsinn. Das ist das was die Nazis glaubten und es offenbar ebenfalls erfolgreich unseren Hirnen implantiert haben. ich würde sogar behaupten das dies unbewusst von 90% der deut. Bevölkerung so empfunden wird. Wohlgemerkt unbewusst – ich denke wenn man die Frage ganz offen stellt werden die Menschen logisch nachdenken und die meisten es verneinen – doch wenn Juden in der Öffentlichkeit offen auf Israel angesprochen werden ohne das dies tatsächlich ein Thema war, sondern aufgrund ihrer „Gruppenzugehörigkeit“ so ist dies Indiz dafür das hier ein automatischer Link entsteht, der nicht natürlicherweise vorhanden ist, sondern nur aufgrund der Annahmen und Vorurteile des Fragestellers.

Es ist wichtig diese Vorurteile und Denkfehler zu identifizieren und zu benennen. Hendryk M. Broder hat da einen großen Verdienst. Das Problem der antisemitischen Juden ist, das sie gerne als unanzweifelbare Zeugen für die Schlechtigkeit Israels herangezogen werden. Genau so wie es Antideutsche gibt (die mir allerdings im Gegenteil zu Antisemiten eher sympatisch sind) kann es natürlich auch antisemitische Juden geben. Viele Deutsche glauben das wenn ein Jude Israel oder Juden kritisiert dies jenseits jeder Kritisierbarkeit stattfindet und per se wahr ist. Aber NICHTS existiert jenseits einer Kritisierbarkeit – genau so sehr wie es möglich ist das ein Deutscher die Deutschen insgesamt in unangebrachter Weise in einen Topf wirft. Leider kann man eher sagen das die Deutschen eher Israel kritisieren als ihr eigenes Land. Und als Grund ist naheliegend, das man sich des Dritten Reiches irgendwie schämt und nach entkräftenden Argumenten sucht. Das Problem ist aber vielleicht eher die Selbstidentifikation mit Deutschland als solches. Jedes Land und jede gesellschaftliche Gruppe, die sich als solche definiert oder bekennt muss eine gewisse Verantwortung dafür tragen was in ihrem Namen passiert – so wie Deutsche eben auch für ihre Vergangenheit Verantwortung tragen. Man kann sich als Menschen diesem entziehen in dem man sich von einem Land oder der Gruppe distanziert. Es geht bei der Kritik immer nur um einerseits die individuelle Schuld – und zum anderen um die Mitverantwortung zu dem, wozu man steht. Insofern sollten Israelis die zu ihrer Regierung stehen argumentativ auch für diese einstehen genau so wie die Deutschen, die die vergangene oder jetzige Politik Deutschlands verteidigen. Was es nicht geben kann sind Sonderrollen für einzelne Personen oder Gruppen in dem Sinne das sie kritischer betrachtet werden oder auch kritikfrei sind. Was Israel angeht so muss man aber eher konstatieren das in Deutschland alles was in Israel passiert extrem kritisch betrachtet wird – mit einem Vergößerungsglas – und das jede Kritik an dieser unfairen und überkritischen Betrachtung oftmals nicht zugelassen wird mit einer vorgeblichen Neutralität der Kritik. Wie aber kann etwas neutral sein, wenn es so unfair und voreingenommen erfolgt verglichen mit allen anderen Dingen die auf dieser Welt passieren, inklusive der wieder im Ausland mordenden Bundeswehr – etwas das noch vor 20 Jahren undenkbar schien – und das heute selbstverständlich ist – udn wo gesagt wird das wir nur humanitär morden?

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