Innensicht / Aussensicht

Durch Erfahrungen in verschiedenen Gruppen und Projekten ist mir ein interessantes Faktum begegnet: Es gibt immer mindestens zwei Sichtweisen zu einem Projekt: Eine Innensicht (sagen wir der Konsens dessen, der durchaus auch divergieren kann) und zweitens die Aussensicht. Interessant ist jetzt das Menschen von aussen gemeinhin annehmen, das die Sichtweise von innen klarer ist. In der Praxis allerdings ist die Sichtweise vielleicht nur detaillreicher. Die Menschen innerhalb eines Projektes kennen mehr Details, gleichzeitig haben sie aber damit zu kämpfen, das sich zum einen eine gewisse „Betriebsblindheit“ breit macht, zum anderen sehen sie „den Wald vor lauter Bäumen nicht“ und die Vielzahl an Eindrücken und Informationen kann auch zu Fehlurteilen führen. Dies gilt für viele verschiedene Gruppen: „Paralamentarier“, „Polizisten“, „Politische Grüppchen“, „Softwareprojekte“. Der Reality-Check geht verloren.

Die Gruppen entwickeln Theorien von der Realität und interagieren mit ihr – aus dem Feedback versuchen sie sich eine virtuelle Aussensicht zu erarbeiten. Diese ist aber zwangsläufig gefärbt von eigenen Vorstellungen, Hoffnungen, Vorurteilen, Erfahrungen. Im schlechtesten Falle entspricht das Bild, was sich eine Gruppe von sich selbst macht in keinster Weise der Realität – z.b. wird die eigene Kompetenz, Bedeutung und Rolle überschätzt oder falsch eingeschätzt. Dies wiederum führt zu falschen Schlussfolgerungen und zu einer falschen Politik nach aussen hin.

Diese Phänomene können andere auch ausnutzen um Gruppen zu blenden. So kann man eine Gruppe  provozieren, weil man ihre innere Denkstruktur erkennt. Dies wird dann bewirken, das sie sich wie vorausberechnet verhält. Die Berechenbarkeit einer Gruppe wiederum lässt sich dafür nutzen politische Fallen aufzustellen.

Aber selbst dann wenn es von aussen niemanden gibt, der versucht zu provozieren, so ist das Phänomen der Gefangenheit im Denken der eigenen Gruppe ganz entscheidend für deren Verhalten und auch deren Selbstbetrug. Diese Phänomene sind sicher auch übertragbar aus so etwas wie gesellschaftliche Klassen, wenn wir mal davon ausgehen, das es sowas noch gibt. Das heisst z.B. das Reiche aus ihrer Perspektive nicht nachvollziehen können, welche Probleme die Gruppe der Hartz-IV-Empfänger hat (und umgekehrt). Das liegt auch daran, das manche Gruppen nicht miteinander kommunizieren (können). In unserer Gesellschaft gibt es doch oft eine undurchdringbare Grenze zwischen Menschen und Gruppen zwischen denen kein Austausch stattfindet. Unterschiedliche Realitäten.

Vielleicht sind diese Erkenntnisse trivial – aber ein anderes Phänomen ist, das in den Medien immer so kommuniziert wird, als hätten wir eine gemeinsame Sichtweise der Dinge. Gerade Massenmedien scheinen nicht geeignet den Diskurs zu fördern. Stattdessen versuchen sie  alle Themen auf einfache, gemeinsame Nenner zu bringen. Und wenn dann Menschen aus 10 verschiedenen Gruppen die selbe heute-Sendung sehen, glauben sie alle, das sie die selbe Sendung sehen. Innerlich allerdings nehmen sie die Inhalte sehr unterschiedlich wahr, sind sich darüber aber nicht ausreichend bewusst. Dies wiederum führt zu einer weiteren Wirklichkeitsverschiebung, da Menschen sich über ein und dieselben „gesellschaftlichen“ Themen streiten, obwohl sie sich in voneinander getrennten Wahrnehmungswelten aufhalten.

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