Formal sind die Piraten für freie Meinungsäußerung und gegen Zensur. Allerdings macht man in den Foren und im Chat der Piraten die Erfahrung, dass dort Zensur an der Tagesordnung ist. Und für einige Piraten scheint dieser Widerspruch nicht als solcher wahrnehmbar.
In den Foren der Piraten ist es üblich:
- Aussagen in Beiträgen zu zensieren und so den Inhalt zu verfälschen.
- Beiträge ganz zu löschen
- User bei geringstem Anlass zu sperren und ihnen so die weitere Beteiligung zu verweigern.
Ich wende mich nicht generell gegen Moderation und auch gegen gelegentliches Löschen. Allerdings ist es mir selber auch passiert dort zensiert zu werden inklusive einer Verwarnung. Auf Nachfrage erhielt ich keine Auskunft darüber, was der Grund für die Verwarnung war.
Was ich hier besonders bedenklich finde ist, dass hier einerseits, dass Moderatoren hier sehr weit gehenden Einfluss auf die politische Diskussion nehmen – und zum anderen, dass mir dieses in dieser so weitgehenden Form zum ersten mal GERADE bei den Piraten auffällt, die ja nun, wie wir alle wissen GEGEN Zensur sind. Das Problembewusstsein ist dabei nahe Null. Einige aktive Piraten scheinen an dem Punkt aber auch erheblich genervt zu sein, können sich damit aber nicht durchsetzen. So manchem Moderator scheint mir da die Macht zu Kopf gestiegen zu sein.
Aus meiner Sicht verlieren die Piraten hier in einem ihrer Kernthemen erheblich an Glaubwürdigkeit.
Dabei verläuft die Zensur meist nach diesem Muster:
- Jeder User kann fast jeden beliebigen Schwachsinn verbreiten, auch wenn dieser sexistisch, rassistisch ist oder eine Verschwörungstheorie oder rechtsradikal.
- Wenn User auf diese Thesen allerdings die Meinung des Posters angreifen so kann es ihnen passieren, dass die Reaktion als persönlicher Angriff zensiert wird.
- Dies hat erhebliche Manipulationsmöglichkeiten. Es ist sehr einfach Beiträge zu schreiben, die quasi unangreifbar sind. Wer hingegen einen konkreten User für seine Meinung attackiert, öffnet Angriffsfläche und kann sich fast sicher sein, dass er zensiert wird.
Ich persönlich finde ehrliche Kritik wichtiger, als die angenehme Form. Ich denke nicht, dass persönliche Angriffe und Streit schlecht sein müssen. Im Gegenteil: Wenn etwas strittig ist, dann muss man das auch manchmal „lautstark“ austragen. Die Piraten scheinen da überempfindlich zu sein und der Ideologie anzuhängen, dass man über jedes Thema zivilisiert und unemotional miteinander reden kann. Sie glauben auch, dass es eine Frage der besseren Argumente ist, welche Meinung sich durchsetzt. Ihnen fehlt dabei die fundamentale Erkenntnis, dass es Interessengruppen gibt, die alles tun, um die Meinungen zu manipulieren. User die hingegen an anderer Stelle im Internet das Ziel verkünden eben dies im Piratenforum zu tun, werden geduldet, während User, die sich ehrlich über manche Thesen aufregen, herausgedrängt werden.
Unter dem Strich ist aber das problematische eben der Glaubwürdigkeitsverlust der Piraten andererseits und die Meinung, die sich bei mir rausbildet, dass man lieber keine Piraten als Ersatz für die derzeitige Regierung haben möchte, weil ich erwarten würde, dass deren Zensur noch viel weitergehen würde als dass, was wir bisher haben. Und sie schaden damit der ganzen Anti-Zensur-Bewegung.
Ich finde es daher wichtig, dass sich Bürgerrechtler zunehmend von der Piratenpartei distanzieren. Nicht nur deswegen. Ich hatte hier ja schon das Thema Rechtsradikalismus und Frauenrechte im Zusammenhang mit der PP erwähnt.
Ich stimme da mit einigen anderen Beobachtern überein, dass die PP einen Punkt erreicht hat, wo man sie eher als politischen Gegner betrachten muss – und nicht als Fürsprecher für Bürgerrechte, als der sie sich gerne geriert. Es ist notwendig, das deutlich zu sagen, denn nur so bietet sich die Möglichkeit der Abkehr vom falschen Weg gegen Bürgerrechte und pro Zensur.