Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Grundrechte’

#Gezipark : Was ist so besonderes daran? #occupygezi

Ich verfolge die Nachrichten zu Istanbul nur oberflächlich. Oft wird die türkische Polizei als brutal geschildert und die türkische Regierung als undemokratisch, weil sie Grundrechte nicht zugestehe, also:

 

  • Es würden sogar Wasserwerfer gegen Demonstranten in Einsatz kommen
  • Versammlungsrecht wäre ja wohl ein Grundrecht, so was dürfe man ja nie verletzen
  • Erdogan wolle nicht mit den Demonstranten verhandeln

Das wir uns nicht missverstehen: Die Sache in der Türkei finde ich sehr sympathisch, was mich allerdings wundert ist:

  • Die durchweg positive Berichterstattung deutscher Medien, die die Demonstranten nicht als Chaoten beschimpft oder gar nicht über sie berichten würde.

Ich meine damit natürlich, dass noch in jüngster Zeit bei Veranstaltungen wie Blockupy, M31, Heiligendamm alles zum Einsatz kam, was die Polizei so auffahren konnte. Es ist doch nicht so, als wenn es hier ein freies Versammlungsrecht geben würde – oder das es Wasserwerfer nur in der Türkei gibt. Ich finde die Berichterstattung inzwischen massiv verzerrend und rassistisch, wenn ein türkischer Schlagstock IMMER schreiendes Unrecht ist (“Die bösen Türken?”), während man in Deutschland jeden Polizeibericht glaubt und sich natürlich die Polizei nur mit sanften Methoden gegen die bösen Chaoten wehrt. Ich kann da nur noch lachen und den Kopf schütteln bei dieser massiven Propagandashow.

Stuttgart 21 war ja ein ähnlicher Fall. Ich bin mir auch sicher, dass die Polizei in der Türkei vielfach brutaler vorgeht – aber unter dem Strich sehe ich keine wesentlichen Unterschiede in der Tolerierung friedlicher Besetzungen oder Proteste. Istanbul ist überall!

Blockupy: Was ist Widerstand?

Zunächst noch einmal etwas historisches? Es ist nicht zutreffend, wie es ein Sprecher von Blockupy sagte, dass #Blockupy letztes Jahr von den Organisatoren erdacht wurde als einmalige Aktion und das man dann dachte man könne das verstetigen.

War ist, dass am Anfang die M31-Organisierung stand, die insbesondere durch die anarchosyndikalistische IAA bereits international vernetzt ist. Und hier standen ursprünglich verstetigte und dann auch lokale Aktionen immer im Mittelpunkt der Idee. Einige Organisationen meinten, sie würde es besser können, bzw. wollten sich distanzieren von den Anarchosyndikalisten aus ideologischen/dogmatischen Gründen und setzen dann nach #M31 einen weiteren Termin mit #Blockupy an.

Man muss allerdings für beide Bewegungen, wobei letztes Jahr auch Blockupy mit von M31 unterstützt wurde, nicht in der Lage waren Aktionen zu verstetigen. Aus meiner Sicht liegt das daran, dass die Proteste primär nicht Widerstand von unten sind. Alleine die Idee in Frankfurt symbolisch die EZB so blockieren, wie es zunächst M31 und dann auch Blockupy versuchten, ist ein zentralistischer Ansatz, bei dem hunderte oder tausende an einen Ort anreisen um zu demonstrieren und danach wieder nach Hause zu fahren.

Großdemos können Sinn machen, aber eher als Ausdruck einer gemeinsamen Bewegung und Stimmung – nicht aber als AUSGANGSPUNKT einer Bewegung. Sofern Aktionen nicht vor Ort in den Städten und Kommunen laufen, die Ausdruck und Instrument der eigenen Betroffenheit von Maßnahmen sind, wie z.B. Massenentlassungen, Arbeitsverdichtung, Entmietungen,… so wird es bei rein symbolischen Protesten bleiben, die eher Ausdruck eines Lebensgefühls einer bestimmten Schicht sind. Vielleicht auch eher einer intellektuellen Demo-Elite, die Konzepte schreibt und sich dann vorstellt, dass viele Bürger*innen spontan davon begeistert sind.

Ein Problem sehe ich auch im Fokus der Proteste. Hier ist der Aufruf online. Und hier zitiere ich den ersten Absatz:

“Blockupy* ruft auch in diesem Jahr zu europäischen Tagen des Protestes in Frankfurt am Main gegen das Krisenregime der Europäischen Union auf. Am 31. Mai und 1. Juni 2013 wollen wir den Widerstand gegen die Verarmungspolitik von Regierung und Troika – der EZB, der EU-Kommission und des IWF – in eines der Zentren des europäischen Krisenregimes tragen: an den Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) und vieler deutscher Banken und Konzerne – den Profiteuren dieser Politik.”

Das Problem ist hier also, dass nicht primär gegen die Verhältnnisse als solches protestiert wird, sondern gegen das Krisenregime und deren Auswirkungen im Speziellen. Ich sags mal so: Millionen Deutsche, Europäer und überall auf der Welt stehe täglich im Alltag und müssen mit den Arbeitsbedingungen kämpfen um jeden Euro, um Freizeit und gegen Arbeitsverdichtung. Für Deutschland im Speziellen  betrafen vor Jahren bereits die Hartz-Reformen viele Menschen. Die Krise selbst schlägt in Deutschland nicht zu buche. Die Deutschen sind da wenig solidarisch mit den EU-Nachbarn bisher – aber sie sind auch bisher selber kaum betroffen von konkreten Krisenauswirkungen. Sehr wohl betroffen sind sie jedoch vom Arbeitsalltag. Der Aufruf jedoch packt die Leute am wenigsten dort, wo sie selber betroffen sind, sondern primär an einem Gefühl der Ungerechtigkeit und Empörung.

“Wir sind Teil der internationalen Bewegungen, die sich seit Jahren gegen die Angriffe auf unser Leben und unsere Zukunft wehren, für soziale Rechte und Alternativen kämpfen, neue Formen von demokratischer Organisierung und solidarischer Ökonomie entwickeln.”

Damit versucht Blockupy klarzustellen, dass sie sich in der Tradition der Anti-Globalisierungsbewegung sehen. Aber gerade diese Bewegung war in die Krise gekommen nach Heiligendamm. Dort stellte sich auch nachher die Frage wie viel es bringt an einen zentralen Ort zu pilgern, ein paar gute Tage zu haben – oder wenns schief geht vom Polizeistaat die eigene Ohnmacht vorgeführt zu bekommen, ggf. noch traumatisiert durch polizeiliche Gewalt – und so oder so wieder nach Haus zu fahren. Vielleicht einige neue Leute kennengelernt zu haben – aber im Grunde nichts in der Hand zu haben, worauf man tatsächlich aufbauen könnte. Ich nennen diese Großdemos auch mal “Wohlfühl-Demos”. Wo dann Parolen und Ziele aufgeweicht sind.

Ich denke auch nicht, wie schon zu Anfang beschrieben, dass von einer zentralen Aktion eine lokale Organisierung entstehen kann die nachhaltig ist. Das artet dann immer irgendwann zu einer reinen Mobilisierungs-Organisierung aus. So wie bei der jährlichen “Freiheit statt Angst”-Demo. Es wird zum Ritual. So lange die Leute viel Freizeit haben oder viel Energie haben, werden sie da viel Arbeit und Energie reinstecken und sich mobilisieren lassen oder selber mobilisieren. Aber viele Leute, die im Arbeitsalltag stecken finden diese Energie nicht mehr. Und insbesondere stellen sie sich die legitime Frage: Wie soll das mir ganz persönlich helfen? Ich finde das nicht egoistisch, sondern rational und vernünftig. Zu viele der Krisenprotestler der vergangenen Jahrzehnte haben dann irgend wann erschöpft hingeworfen. Arbeit, Familie, Gesundheit hat sie ausreichend beschäftigt.

Und was Organisationen angeht, so ist es für viele ja auch die Frage: Welche Organisation kann und will mir helfen? Viele der antikapitalistischen Initiativen inklusive der FAU beschäftigen sich mehr mit sich selbst und einer Ideologieproduktion, als mit Basisarbeit. Damit aber stellen sie in ihren Städten keine gute Option für die Organisierung dar. Es ist nicht nur keine effektive Hilfe durch große Organisation zu erwarten, sondern die Organisierung arbeitet sich doch zu häufig nur an den hippen Themen der jeweiligen Zeit ab. Es geht da oft darum einfach dabei zu sein und um das eigene Gefühl von Organisator*innen, dass man Teil einer Veränderung ist. Dabei spielt es selten eine Rolle, wie konkret oder realistisch die Perspektive zur Zeit ist. Vernachlässigt wird dabei oft die Organisierungsarbeit als solches. Das bedeutet meines Erachtens primär in den Dialog zu gehen, zuzuhören, zu lernen und dann die eigenen Ziele dort zu setzen, wo Menschen von den Verhältnissen vor Ort betroffen sind. Zu oft habe ich es erlebt, dass die Lust an der Diskussion und die Bereitschaft die eigene Position in frage zu stellen gering ist, ebenso wie die eigene Kritikfähigkeit. So drehen sich die meisten antikapitalitischen Grüppchen primär um sich selbst.

Bescheidenheit und ein realistischer Blick sind auch Mangelware. Dagegen wird aus jeder kleinen Pups-Aktion etwas heldenhaftes. Nicht selten verbunden mit ein wenig Macho-Getue als Gewürz dabei. Es wird oft die direkte Konfrontation mit dem Staat gesucht. Erfolge sind dabei selten zu verzeichnen. Und wenn es sie gibt, dann nur temporär.

Ich glaube nicht, dass die Lage hoffnungslos ist. Schnelle Erfolge sind wohl nicht zu erzielen, aber an sich scheint es mir recht einfach, die richtige Richtung einzuschlagen. Nur das die meisten Gruppen in alle möglichen Richtungen gehen und vor allem den schnellen Erfolg suchen oder die schnelle Bestätigung, ohne das daraus eine echte Perspektive erwachsen würde.

Erster Mai = DGB-Demo?

MayDay_2011_parade_15

MayDay_2011_parade_15 (Photo credit: Alan Wilfahrt)

Was als Aufstand für die Einführung des Achtstunden-Tages begann, wurde in Deutschland zum Ritual und zum offiziellen Feiertag. Der Erste Mai in Chikago wurde von Anarchist*innen organisiert. Um so erstaunlicher die Entwicklung, dass man von linksradikalen Gruppen heute jedes Jahr die Zuerkenntnis des Ersten Mais als Eigentum des DGB lesen kann. “Die DGB-Demo“: So als wenn die ersten Reihen, in die oftmals SPD-Politiker*innen mitlaufen die Erfinder des Ersten Mais wären. Vergessen offenbar der Blutmai und andere Ereignisse. Der ADGB und die neue Arbeitspolitik mit Arbeitsfront - im Nachkriegsdeutschland wurden fatale Entwicklungen weiterentwickelt.

Warum also sollte man dem DGB den Platz zugestehen Eigentümer des Ersten Mais zu sein. Schlimm genug, dass die Medien immer von DEN GEWERKSCHAFTEN schreiben und damit oftmals nur die zentralisierten Gewerkschaften unter dem Dach des DGB meinen. Schimmer, dass die ausgeklammerten selber diesen Neusprech übernehmen und sich als  Bewegung definieren, die sich außerhalb der Tradition des Ersten Mais verortet, nur weil dieser vielerorts DGB-dominiert ist und von Würstchenständen und von Reden geprägt ist, die langweilig sind, die pro-militaristisch sind und alles andere als sozialrevolutionär.

So lange linksradikale Gruppen und Gewerkschaften nicht in der Lage sind ihre eigene Bewegung als solche anzuerkennen und sich selber auszugrenzen, so lange werden auch der DGB gesellschaftlich dominant bleiben. Nicht das alles am Ersten Mai hinge, aber wenn es daran schon scheitert, muss man gar nicht erst über weiteres nachdenken. Denn es gibt damit keine Vergangenheit, keine Vision, keine Position und keinen Anspruch der verwirklicht werden könnte. Damit bleibt jegliche Kritik am Kapitalismus zahnlos und verkommt genau so zum Ritual wie auf der Gegenseite die DGB-Organisierung des Ersten Mais.

Dem Kapitalismus ist es egal, wie verbalradikal irgendwelche Kleingruppen sich gerieren. Spannend wird es doch erst dann, wenn das was gesagt wird auch gemeint ist und sich glaubhaft als echte Alternative zum bestehenden System präsentiert?

Ermittlungen gegen eine aufgelöste Terrorvereinigung

Es hat überrascht, wie erfolgreich die Judikative war, sobald sie ermittelte. Bereits im januar war die NSU laut OLG München aufgelöst. Der Rest der Welt da draussen war immer noch dabei die Dimension der NSU zu behirnen. Wer war alles involviert? Welche Rolle hatten staatliche Institutionen? Wie viele Helfer*innen gab es? Das alles schien diese Erkläung vorweg zu nehmen.

Endlich konnten die Haftungsbedingungen für Zschäße gelockert werden, weil? Weil es einfach niemanden mehr da draussen gab, der Teil der NSU war, geschweige denn, dass da etwas weiter existierte, was bisher NSU war. Es soll das Terrortrio gewesen sein und sonst nichts.

Heute geht dann wieder über den Ticker

Zschäpe soll Fluchthelferin gehabt haben

Und das ist nicht das erste mal, das weitere Helfer*innen und Fragen auftauchen. Und das man über verschiedenstes Entgegenkommen berichtet. Man wird unwillkürlich an die bayerische Festungshaft von Hitler erinnert. Offenbar hegen auch hier das OLG München, die bayerische Justiz große Symapthien für das Anliegen der NSU und Frau Zschäpe.

Daneben gab es auch Freunde im sächsischen Innenministerium

Nach all dem, was man bisher weiß kann man m.E. von weit mehr Unterstützer*innen ausgehen, als selbst von antifasichsitischen Archiven ausgegangen wird. Seit der erklärten Auflösung gibt es fast jede Woche eine Meldung, die so ewtas beinhaltet wie “weit mehr Unterstützer als bisher angenommen”.

Ich gehe davon aus, dass Teile der Verfassungsschutzbehörden unmittelbar Teil des NSU waren – oder besser umgekehrt. Das das NSU Teil von Aktivitäten verschiedener Verfassungsschutzbehörden ist. Ich vermute der Hintergrund ist der, dass traditionelle Unterstützer*innen der FDGO, deren Denken sich aus dem Dritten Reich bis heute gerettet hat, eine gewaltbereite Reserve für praktikabel halten. Eine Reserve, die dann ab und zu auch zuschlägt. Wie bei Gladio ja bestens belegt. Oder wie zu Zeiten der Revolution die Freikorps (heute Freie Kameradschaften). Es ist m.E. eher eine Verschwörungsideologie, wenn man versucht die Vorgänge um die NSU als eine Serie tausender Pannen zu interpretieren. Sicher hat hier und da der eigene Rassismus mancher Ermittler den Blick getrübt. Aber auf viele Fragen gibt es bisher keine Antwort. Und das liegt nicht daran, dass wir manche Erkenntnisse noch nicht gewonnen haben.

Wir leben nicht mehr in den 20er oder 30er Jahren, aber ein Teil des Denkens, dass das Dritte Reich ermöglichte hat sich leider bewahrt und wird aus der Mitte der Gesellschaft heraus als “staatserhaltend” gefördert. Vielen Demokratien scheinen Rechtsradikale immer noch näher zu stehen, als radikale Linke.  Und so lange das so ist, wird am rechten Rand weiter relativ unbehelligt gemordet werden können. Erst wenn hier im Staat aufgedeckt wird und die Träger dieses Gedankenguts entmachtet sein würden, könnte man von einem Ende der NSU sprechen.

Was wäre eigentlich passiert, hätte der NSU ein weiteres mal unerkannt fliehen können?

Fall Rosemarie F. – Schaffung einer Märtyrerin?

Zunächst vorab will ich keine Zwangsräumungen legitimieren. Bei den Berichten habe ich mich aber gefragt, ob das alles wirklich so optimal gelaufen ist seitens der Supporter*innen.

Ich denke man muss zwei Dinge unterscheiden:

  1. Das Wohl eines Menschen, hier Rosemarie F.
  2. Das Verhindern einer Zwangsräumung

Ich denke man kann beides nicht gleichsetzen. Und man sollte, wenn man Hilfe anbietet immer Ersteres auch an erster Stelle behandeln. Will sagen: War es angesichts der aktuellen Politik, der Vermieterin und der Gesamtsituation angemessen primär auf das Verhindern der Zwangsräumung gezielt zu haben?

Da wäre aus meiner Sucht die Frage, ob jemand sie ermutigt hat, in ihrer Wohnung zu bleiben, obwohl eine Zwangsräumung evt. schon länger anstand. Wenn ja, dann muss man sich, wenn man diese Zwangsräumung als ursächlich für ihren Tod nimmt auch fragen, ob man sie gut beraten hat. Gehts jetzt um Rosemarie F. oder darum, dass man eine Märtyerin haben will? Sicher gehts einigen die ihr nahe standen tatsächlich um die Frau – vielleicht müssen diejenigen aber auch nachdenken, wie sie sich verhalten haben.

Ich bin auch gegen jede Art von Zwangsräumung, aber manchmal muss man einfach eingestehen, dass man verloren hat. Es ist was anderes, wenn ein gesunder, junger Mensch sich bewußt für eine Zwangsräumung als politisches Statement entscheidet, oder ob man einer kranken Frau rät, sich diesem Stress zu geben, anstatt nach Alternativen zu suchen.

Mein Verdacht ist nach dem, was ich so lese, dass einige da falsch abgewogen haben. Man kann natürlich alle Schuld den Behörden und den Vermietern zuschieben. Aber ist das auch ehrlich? Wäre ich jedenfalls in einer ähnlichen Situation, dass ich jemanden raten sollte, der krank ist, würde ich auf jeden Fall dazu raten sich den Stress einer Zwangsräumung auf gar keinen Fall zu geben. Ich vermisse da im Moment ein wenig die Selbstreflektion innerhalb des öffentlichen Aufschreis.

Web 3.0 – Unser Web / niemandes Web

März 22, 2013 3 Kommentare

Als Reaktion auf  verschiedene Skandälchen rund um Soziale Netzwerke taucht nun wieder eine Frage auf, auf die ich bereits 2008 Antworten gefordert habe. Damals hatte ich zu Was kommt nach dem Web 2.0 geschrieben:

soziale netzwerke in deutschland

soziale netzwerke in deutschland (Photo credit: 47grad)

  • “Bedeutung” – es wird in Zukunft darauf ankommen, das vorhandene Daten mehr darüber mitteilen, was sie bedeuten. ( Semantic Web )
  • “Teilen” – Das Teilen von Information wird immer wichtiger. Es gibt zwar schon diverse Ansätze auch und gerade durch Web 2.0 – doch stossen diese auch immer wieder an technische und rechtliche Grenzen.
  • “Rechte” – Das Internet bildet einen riesigen Raum von Rechtsunsicherheiten. Dies liegt auch zum teil daran, das das Recht nicht für das Internet gemacht wurde und zum teil veraltete Konzepte einfach auf das Internet ausgedehnt wurden. Wir brauchen mehr Klarheit und Einfachheit.

Ich würde heute einen neuen Schwerpunkt beim Eigentum legen. Firmen wie Facebook, Yahoo oder Google gehören unsere Daten. Während wir bei den Netzwerken umsonst mitmachen dürfen werten sie unser Nutzerverhalten aus und dienen wir ihren Profitinteressen. Es ist naiv sich auf der einen Seite total auf Firmen zu verlassen – und dabei macht Größe noch nicht einmal einen großen Unterschied. Zum anderen erwartet man jede Art von Freizügigkeit.

Manche langjährigen Blogger und Netzaktivisten meinen jetzt die Antwort auf alles gefunden zu haben: Wir müssen mehr auf unseren eigenen Blogs bloggen. Dort würden uns ja die Daten gehören. Vergessen tun sie dabei die letzten 10 Jahre vergessen. Facebook wurde 2004 gegründet, Twitter 2006. Soziale Netzwerke wie diese (ja es gibt auch freie Alternativen) lösten bestimmte Probleme:

  1. Einstiegshürde. Obwohl Blogs die Hürden dramatisch senkten, wie bereits zuvor die Einführung von HTML, war und ist das Einrichten eines eigenen Blogs für viele User immer noch eine nicht einfach zu bewältigende Herausforderung.
  2. Mitbekommen was läuft. Das Netz ist voller Informationen. Aber wollen wir wirklich täglich alle möglichen Seiten absurfen? RSS hat da für einige Websites und Blogger eine Lösung gebracht, um bestimmten Streams zu folgen. Viele nutzten den Google Reader (anno 2005). Dessen Abschaffung beschwor viele Proteste herauf. Fakt ist aber auch, dass das Folgen in Sozialen Netzwerken viel einfacher ist für die Mehrheit der Menschheit und zudem einen Rückkanal ermöglicht. Und damit als Feature der Mehr Interaktivität auch etwas bietet, was ich mich erinnere die einfachen User bereits auf Veranstaltungen unseres Bürgernetzes in den 90er Jahren von Webseiten forderten. User wollen immer mehr Interaktivität und immer mehr mitbekommen.
  3. Soziale Vernetzung. Soziale Netze bieten wie der Name schon sagt die Möglichkeit des “Socializing”. Die Ausage “Der Mensch ist ein soziales Wesen” ist trivial aber sehr war und besonders essentiell. Auch bei Blogs gibt es eine sog. Blogosphäre in der man sich austauscht und aufeinander bezieht. Aus meiner Sicht vereinfachen Soziale Netzwerke diese Interaktion und demokratisieren sie auch in dem Sinne, dass mehr Leute daran teilnehmen können.

Das Problem aktueller Sozialer Netzwerke ist aber dennoch ein Demokratiedefizit. Die Daten der User werden verkauft und sie wie Vieh missbraucht. Versuche der User innerhalb von Facebook gegenüber Änderungen der Datenschutzbestimmungen aufzustehen scheiterten bisher regelmäßig aufgrund fehlender Masse. Wenn wir uns in Strukturen bewegen, die uns nicht gehören und noch wichtiger bestimmten Firmen gehören, die damit ihren wirtschaftlichen Verwertungsinteressen verfolgen werden wir als einzelne User aber auch als Gruppe immer den kürzeren ziehen.

Die Lösung kann aber weder sein, dass jeder Mensch nun sein eigenes Blog eröffnet, noch das wir hunderte alternativer Netzwerke auf Basis von Open Source eröffnen. Die Lösung wäre zum einen Soziale Netzwerke auf Basis offener Standards, die miteinander interagieren und zum anderen die Finanzierung der Infrastruktur. Das sind schwierig zu lösende Fragen. So mancher Ansatz hat sich als verfehlt herausgestellt. Weil manche kleine, geile Firma angetreten ist als Startup Facebook Konkurrenz zu machen (Beispiel Diaspora). Aber wenn man sich in die Logik des “freien” Wettbewerbs, ins Haifischbecken, begibt, dann werden immer die größeren die kleineren Fische fressen. Es sei denn man ist in der Lage selber die kleineren Fische zu fressen und die großen auszutricksen. Denn auch Microsoft und Google mussten ja einmal klein anfangen.

Meine Hoffnung liegt aber nicht darin, dass endlich die kleine Firma kommt, die alles richtig macht. Wenn wir wollen das Soziale Netzwerke anders laufen, müssen wir sie von Grund auf selber und richtig machen. Dazu braucht es Soziale Verträge. Wir als User müssen die Bedingungen festlegen, nach dem die Netzwerke betrieben werden und das heißt auch, dass wir sie selber betreiben müssen. Bestimmte Regeln müssen festgeschrieben werden als Selbstverpflichtung. Eine demokratische Mitbestimmung muss möglich sein. Es kann also nur um eine vollständige und transparente Organisation gehen. Eigeninteressen müssen dabei zurückstehen. Konstrukte bei denen eine Firma etwas sponsort werden auf Dauer nicht tragfähig sein und scheitern. Ich bin sicher es sind intelligente Möglichkeiten der Finanzierung hinzubekommen, wenn man sich nur ein wenig den Kopf zerbricht. Ohne Beteiligung der User wird es allerdings nichts werden. Die Umsonst-Kultur wird hier natürlich zuschlagen. Daher wäre meine Empfehlung auf freiwillige Spenden zu setzen statt auf einen Pflichtbeitrag. Wikipedia ist auch ein Beispiel wie sich ein freies, soziales Netzwerk selbst erhalten kann und vielleicht können sie auch wichtige Impulsgeber sein bei einer solchen Entwicklung.

Was uns m.E, aber wenig weiterbringt ist zu glauben mit einer Rückbesinnung auf die Anfangszeit des Web 2.0 würden wir die Zukunft bewältigen können.  Facebook und Google werden nur bezwungen, wenn wir es schaffen ihnen voraus zu sein und unsere Nischen schaffen, die sie nicht aufkaufen können. Letztlich leben alle kommerziellen Firmen von unserem Geld. Wenn wir in der Lage sind die Profitinteressen auszusperren, die ja dann oft nur den Kapitalanlegern zugute kommen, sollten wir unsere eigenen Kosten massiv senken können. Dazu ist aber etwas mehr Weitsicht von nöten.

Leider haben sich Alternativen wie identi.ca/status.net nicht als richtiger Ansatz erwiesen. Soziale Netzwerke müssen entweder in einer Nische gut funktionieren oder eine kritischen Masse erreichen. Dazu brauchen auch freie soziale Netzwerke eine Strategie, weil sie sonst in ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit vor sich hindümpeln und die ewige theoretische Alternative bleiben. Was nützt es mir, wenn identi.ca Open Source ist, wenn doch die meisten User auf Twitter unterwegs sind?

Sexismus in unserer Gesellschaft – Brüderle /QUED

Januar 27, 2013 2 Kommentare
Deutsch: Rainer Brüderle

Deutsch: Rainer Brüderle (Photo credit: Wikipedia)

Es ist schon bezeichnend, was man alles so liest zum Thema Sexismus und  Brüderle. Da geht ein Riss durch die Gesellschaft. Für die einen ist die ganze Debatte absolut absurd, weil ja “Gar nichts passiert ist”, bzw. sehen sie sogar, dass Sexismus banalisiert würde (Broder). Manche Journalistin gibt pauschal den Frauen schuld, wenn sie nicht adäquat reagieren. Der Mann kann da offenbar gar nichts falsch machen?

Wenn Frau Betroffene sexueller Belästigung ist, muss sie offenbar aus Sicht mancher irgendwas falsch gemacht haben. Ich musste da an den Film “The Accused/Angeklagt” aus 1988 mit Jodie Foster denken:

Ich denke es macht gar keinen Unterschied wie schwer es wiegt, was z.B. ein Mann tut. Immer finden sich Menschen, die die Aktion oder Tat rechtfertigen oder relativieren. Der Betroffenen einen Mitschuld zuzusprechen ist dabei ein häufig vorkommendes Muster.

Wer jetzt Brüderle Sexismus absprechen will, der tut nur denen einen Gefallen, die weiter ihren Sexismus praktizieren wollen. Nein Brüderle hat weder vergewaltigt noch kam es in den beschriebenen Fällen zu einer Sexuellen Nötigung. Auch gibt es im Bereich des sprachlichen Sexismus sicher schlimmere Fälle, als das, was die Journalistin Himmelreich hier notierte.

Darum geht es aber gar nicht: Es geht zum einen ganz konkret um den Mann, den Politiker, den Kandidaten Rainer Brüderle. Zum anderen geht es darum, wofür sein Verhalten steht.

Meine Vermutung ist, dass viele Kritiker des Sterns ein ähnliches Verhalten selber an den Tag legen oder für ganz normal halten. Manche weisen auch darauf hin, dass man die eigenen Privilegien (z.B. als Mann) oftmals gar nicht sieht, weil sie für einen normal sind. So wird es sich auch mit solchen Grenzüberschreitungen verhalten: Herr Brüderle bewegt sich ganz normal in seinem Verständnis. Und diejenigen Frauen und Männer, die ihm beispringen, für die ist das auch ganz normal.  Sexismus ist ja eben auch alltäglich und nicht die Ausnahme. Ganz nebenbei ist keiner von uns davon frei, auch ich nicht.

Manche zeichnen auch ein Horrorbild der Zukunft, in einer Welt ohne Sexismen. Die wäre ihrer Meinung nach so:

  • Männer und Frauen dürfen nicht mehr miteinander reden
  • Gegenseitige Attraktion wäre verboten

Eine erschreckende Vision. Wie um alles in der Welt kommt man darauf, dass es nur so geht: Entweder verbale Übergriffe und Anzüglichkeiten oder gar nicht mehr miteinander reden? Was für ein schreckliches Menschenbild haben die Menschen? Sind das alles Menschen mit extremen Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit und Beziehung?

Diese Vision ist genau so dumm, wie zu behaupten, dass man Ausländer*innen oder Migrant*innen entweder beleidigen kann oder man kann nicht mit ihnen reden.

Sprich die betroffenen Gruppe muss froh sein, dass sie überhaupt wahrgenommen und angesprochen wird, weil sonst nur die totale gesellschaftliche Ausgrenzung bleibt. So wird Sexismus nicht mehr nur zum alltäglichen Ärgernis, sondern umdefiniert zur unabdingbaren Voraussetzung on Kommunikation und somit zur Existenz in unserer Gesellschaft.

Und deswegen gehts mir ehrlich mit vielen Kommentaren und manchen Diskussionen, die pro Brüderle sprechen so, dass mir Herr Brüderle fast leid tut solche Fürsprecher zu haben. Denn so schlimm wie so mancher Kommentar ist selbst Brüderle nicht. Ich glaube z.B. nicht, dass Brüderle Frauen ihre gesellschaftliche Existenz absprechen wollen würde, wenn sie sich seinen Avancen auf rüde Weise entziehen. Ganz im Gegenteil von manchen Männern und Frauen.

Da wird zum einen Teil beklagt,  dass sich Frauen ja wehren sollen. Tun sie dies aber vor Ort und deutlich gelten sie schnell als zickig und prüde. Tun sie es laut und deutlich öffentlich, wie Frau Himmelreich, so ist das auch nicht ok. Frauen sollen also still sein. Viele beklagen, dass man das ganze doch privat und leise klären kann. Mein Eindruck von Brüderle war aber, dass er an dem Abend die stille Grenzziehung von Frau Himmelreich nicht akzeptiert hat. Und offenbar weder vorher noch nachher bei anderen Frauen auch nicht.

Es ist beschämend, wenn Politiker wie Edathy, der mir durchaus durch den NSU-Ausschuß etwas sympathisch geworden war, sich genötigt fühlen einem sabernden, geilen Altpolitiker beizuspringen und dafür die Medien und damit auch betroffenen Frauen anzugreifen.

Die #aufschrei-Welle auf Twitter hat deutlich gezeigt, wie normal die Brüderles unter uns sind. Auch diese Welle stieß auf Kritik und vor allem Ignoranz. Sexismus ist zwar alltäglich, wird aber negiert und oft als Erfindung dargestellt. Damit soll er offenbar unsichtbar gehalten werden.

Ich finde daher so wichtig und toll, dass sich einige Journalist*innen und Twitter*innen trauen da etwas öffentlich zu machen, was im Grunde alltäglich ist. Alle nehmen dabei in Kauf, dadurch Nachteile zu erfahren. Wohingegen die Brüderles und Broders darauf hoffen können, dass sie den Sturm unbeschadet überstehen.

Mir sind diese stumpfen Geschlechtsgenossen, die nichts sehen wollen und gerade ein Vorurteil nach dem anderen Gegen Männer bestätigen mächtig peinlich, weil sie mich als Mann beleidigen. Wir sind natürlich alle nicht frei von Fehlern, aber damit sollte es anfangen: Ein wenig Selbstreflexion und nicht diejenigen anzugreifen, die betroffen sind. Niemand erwartet ja gleich die vollkommene Einsicht. Aber was man da zur Zeit liest ist einfach nur peinlich und man glaubt manchmal wir wären in Deutschland in den 50er Jahren stehengeblieben.

Brüderle-Debatte sehr wichtig

Januar 25, 2013 3 Kommentare

Selten hat in Deutschland Sexismus mal die Aufmerksamkeit, die er jetzt hat. Brüderle sei dank! ;-) Natürlich ist das, was im STERN und in der SPIEGEL geschrieben wird nicht ungewöhnlich. Aber genau das ist ja das Problem!

Wenn man sich das Gespräch zwischen Ulrike Demmer im Gespräch mit Stephan Karkowsky im Deutschlandfunk genau anhört, kann man hören, was da aber oft nicht stimmt. Da verwechselt Herr Karkowsky mehrfach dumpfe Anmache mit “Flirten”. Nein, das ist nicht das selbe.

Und wenn  beide nach Rechtfertigungen für Brüderle suchen frage ich mich auch, wieso. Das er “aus einer anderen Zeit kommt”, das er “aus dem Land der Weinköniginnen kommt”.

Aber wie sprechen hier ja nicht über “Opa Rainer”, der ein wenig seltsam ist und um den Frauen in der Familie einen Bogen machen. Es handelt sich um den neuen designierten Spitzenkandidaten der FDP. Ein Mann, der richtungsweisende Entscheidungen im Land mittragen und gestalten soll. Und genau das ist für mich auch Begründung genug Geschichten von vor einem Jahr aufzuwärmen. Von mir aus auch von vor 10 Jahren.

Wir wollen nicht über die Qualifikation und den Charakter von Spitzenleuten reden? Interessant. Oder gehts hier eher um den Tabubruch: Das alles nicht-politische privat ist und man nicht darüber berichtet. Bisher galt wohl für Politiker in Berlin: Feuer frei. Insbesondere für alles hinter der zweiten Reihe, wenn man die Kritik der FDP an der Veröffentlichung anschaut. Da wird der Zeitpunkt kritisiert. Natürlich macht der STERN so eine Geschichte nicht zu jedem abgewrackten Provinzpolitiker. Die FDP hat eigentlich entschieden,  den Charakter  Brüderle ins öffentliche Licht zu rücken. Die FDP hat beschlossen, trotz des sicher vorhandenen eigenen Wissens zu dessem Charakter, diesen Mann als Führungsfigur zu etablieren. Und nun beschwert man sich, wenn sein Charakter gewogen wird?

Nein, man schreibt nur über Hinterbänkler aber auf gar keinen Fall über Leute, die in die Erste Reihe aufrücken? Was für ein Humbug!

 

Youtube sperrt Video wg. 35 Sekunden !

Der slowenische Aufstand: Wir machen keinen Unterschied – sie sind alle fällig!

Ne diskriminiramo, vsi so gotovi!

Ne diskriminiramo, vsi so gotovi!

Slowenien erlebt den heftigsten Aufstand seit zwei Jahrzehnten und den ersten überhaupt, der sich gegen das politische Establishment richtet, gegen den Sparkurs und in manchen Orten gegen den Kapitalismus an sich. Alles begann Mitte November mit einem Protest gegen den korrupten Bürgermeister von Maribor, der zweitgrößten Stadt in Slowenien (ca. 150.000 Einwohner*innen). Der ist mittlerweile zurückgetreten. Dabei fand ein Slogan Verbreitung, der nun zum Symbol der Proteste geworden ist: “Sie sind alle fällig.” Es handelt sich um dezentrale, antiautoritäre und nicht-hierarchische Proteste, die auch Leute umfassen, die nie zuvor auf die Straße gegangen waren. Proteste finden selbst in kleinen Dörfern statt. Wir sind gespannt wie es weitergeht!

Die Anarchistische Föderation in Slowenien (FAO – Federation of Anarchist Organizing), die Teil der IFA ist, hat uns Materialien zukommen lassen, die wir  übersetzt haben und hiermit gerne veröffentlichen.

slo vstaja

slo vstaja

Wir machen keinen Unterschied – sie sind alle fällig!

Von Federacija za anarhistično organiziranje (FAO, Föderation für anarchistische Organisierung)

In den letzten Tagen ist die Geschichte mit all ihrer Wucht über uns hereingebrochen. Mit dem Aufstand in Maribor hat etwas begonnen, von dem viele dachten, dass es unmöglich sei: Die Menschen organisierten sich selbst, drängten ihren Bürgermeister in die Ecke und zwangen ihn zum Rückzug. Gleichzeitig zündeten sie den ersten Funken für einen breiten Widerstand gegen die politisch-ökonomische Elite und das kapitalistische System. Da wir keine Wahrsager*innen sind, können wir nicht voraussehen, was nun folgen wird, aber wir wissen, dass uns Romantisierung und Naivität nicht weiterhelfen werden, sondern nur Organisiertheit und Entschlossenheit.

Von unten nach oben und von der Peripherie ins Zentrum

Vstaja slovenija

Vstaja slovenija


Der Protest hat sich über das ganze Land ausgeweitet und ist übergegangen in einen slowenischen Aufstand gegen die Politiker*innen und die herrschende Klasse. Jeder Teil des Landes empfiehlt den Politiker*innen in seiner Sprache, dass ihre Zeit jetzt abgelaufen ist. Die Dezentralisierung des Widerstands und die Tatsache, dass der Widerstand nicht von oben oder von den Herrschenden organisiert ist, sondern von unten, von Seiten der Menschen, die von niemandem repräsentiert werden, ist eines der bedeutendsten Merkmale der jüngsten Entwicklungen der Geschehnisse. Wenn wir die Solidarität zwischen den Menschen aufrechterhalten und die Übernahme des Aufstandes durch die politische Klasse verhindern wollen, so muss die Dezentralisation vorwärts getrieben, verstärkt und verteidigt werden.

Die Polizei ist überall, doch nirgends unsere Rechte

Die Brutalität der Polizei gegen die Protestierenden ist keine Überraschung. Was allerdings überrascht, ist die Hoffnung einiger, dass sich die Polizei dem Widerstand anschließen könnte. Die Wahrheit ist, dass die Polizei nicht das primäre Ziel dieses Aufstands ist und dass die Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstrierenden nicht sein eigentlicher und einziger Horizont sind. Dieser Konflikt zielt auf die kapitalistische und politische Klasse, sowie auf das ganze System als solches. Die Polizei ist nicht unser Bündnispartner, denn sie erfüllt ihre systemische Aufgabe und war nirgendwo und niemals ein Verbündeter des Widerstandes. Erinnern wir uns zurück: Die Polizei ist ein repressiver Apparat des Staates, deren strukturelle Funktion die Verteidigung der herrschenden Verhältnisse und der Interessen der herrschenden Klasse ist. Dies gilt auch weiterhin, auch wenn sich unter der Uniform ebenfalls ausgebeutete Subjekte befinden. Solange sie den Befehlen ihrer Vorgesetzten Folge leisten, werden sie Polizist*innen bleiben. Erst wenn sie das nicht mehr sind, können sie gerne Teil des Aufstandes werden. Die Hoffnung zu erwecken, dass sie auf unserer Seite stünden, ist daher letztendlich naiv. War denn ihre Intervention bei den jüngsten Demonstrationen so vorbildlich, wie es einige behaupteten und war sie tatsächlich im Interesse der Menschen? Haben wir denn die brutale Zerschlagung des Protests in Maribor und die Drohungen des Innenministers Gorenak, dass er alle Köpfe des “illegalen” Protests schnappen wird, vergessen?

Keineswegs sind wir überrascht vom Moralisieren über “Randalierer*innen” und “Gewalt”, das sich in den sozialen Netzwerken ausbreitet. Die Regierung und die Medien haben uns einen Knochen hingeworfen, auf den sich manche sofort gestürzt haben. Doch was sind zehn entglaste Fenster, eine zerschlagene Tür eines öffentlichen Gebäudes, eine aufgerissene Straße im Vergleich zur strukturellen Gewalt des Staates? Die Perspektivlosigkeit der Jugend, Arbeitslosigkeit, Prekarität (die stete Unsicherheit des Arbeitsplatzes), Kürzung von Stipendien, Suppenküchen, Entlassungen von Erzieher*innen in den Kindergärten, Leistungskürzungen in der Gesundheitsversicherung, Kürzungen im Bildungs- und Forschungsetat, Zwang zur Frühverrentung, Senkung von Löhnen, Renten, Urlaubstagen und das Verschwinden von billigem Wohnraum, junge Menschen, die als Untermieter oder bis zum Alter bei ihren Eltern leben müssen, die Verletzung der Rechte von Homosexuellen, Migrant*innen, Frauen, religiöse Minderheiten … wir könnten diese Reihe noch weiter fortsetzen. Aber mit ihr haben wir noch nicht das Thema der Korruption angesprochen, der Vetternwirtschaft, des Klientelismus und der Kriminalität der herrschenden Elite. Sie zwingen uns immer mehr zu arbeiten, doch die Früchte dieser Arbeit eignet sich die kapitalistische Klasse immer wieder aufs Neue an. Dieses System basiert auf Ausbeutung.Und nun sage jemand, wer denn hier an wem Gewalt ausübt? Wie können wir es uns erlauben mit den Menschen, die uns die Zukunft stehlen, zusammenzuarbeiten? Die Jugend ist wütend und sie hat keine Zeit zu verlieren. Deswegen hört auf sie zu verurteilen: Gemeinsam können wir unsere Aufmerksamkeit auf die wirklichen Probleme lenken.

Eine noch größere Gefahr ist es, sich auf die Repression nach innen und die Zusammenarbeit mit der Polizei zu stützen. Haben wir in unserer Gesellschaft nicht schon genug Kontrolle, Kameraüberwachung und Repression? Sollen wir nun etwa auch der Polizei helfen bei ihrer Jagd nach “Randalierer*innen”, sie ihnen ausliefern, um dadurch viele junge Leute aus diesem Aufstand auszuschließen, die überhaupt erst einen entscheidenden Beitrag zu ihrem Zustandekommen geleistet haben? Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist ein Schlag ins Gesicht für unsere Sache, die Verurteilung von jungen Menschen, die ihre Forderungen direkter artikulieren, blockieren die Entwicklungspotentiale des Widerstandes. Die Herrschenden bezeichnen das Zerschlagen von Glas als Gewalt, in Zukunft könnte diese Gewaltbezichtigung auf alle möglichen Formen des Widerstandes ausgeweitet werden, die unangemeldet oder passiv sind und letztlich keinen Schaden zufügen. Für ein System, das uns seit Jahren erniedrigt, ausraubt und vernichtet, sind wir alle Randalierer*innen. Deshalb drücken wir diesmal erneut unsere volle Solidarität gegenüber den Gefangenen aus und fordern ihre Freilassung, das Ende der medialen und juristischen Verfolgung, so wie die Rücknahme aller Strafen gegenüber den Menschen, die sich an den Demonstrationen beteiligt haben.

Alle Macht den Menschen, nicht den Parteien

Wegen der anfänglichen Spontaneität des Aufstandes, in der die Kreativität der Massen zum Ausdruck kam, eröffnete sich auch ein Raum für strategische Überlegungen. Damit sich der Aufstand zu einer sozialen Bewegung mit konkreten Forderungen, Zielen und Visionen entwickeln kann, müssen die richtigen Formen gefunden werden, wie diese Forderungen ausgedrückt werden können. Zudem muss eine organisatorische Form gefunden werden, die dies alles ermöglicht. Falls nicht, wird der Aufstand sich verflüchtigen und die Verhältnisse werden weiterhin bleiben, wie sie sind.

Wenn es um die Bestimmung der Forderungen geht, sollten wir Schritt für Schritt vorgehen. Wir sollten mit denjenigen Forderungen anfangen, die bereits innerhalb des Aufstandes zum Ausdruck kamen. Dabei geht es um soziale Fragen, das öffentliche Gesundheitssystem, das Bildungssystem und das Arbeitsrecht. Das heißt jedoch nicht, dass wir nicht einfach das alte System verteidigen wollen. Neben der Verteidigung der Rechte, die in jahrhundertelangen Kämpfen errungen wurden, müssen wir gleichfalls auch eine langfristige Perspektive haben. Solange Staat und Kapital existieren, werden die Ursachen der Ausbeutung und Zerstörung innerhalb des Schul-, Gesundheits- und Sozialsystems weiter erhalten bleiben. Daher müssen wir uns auf diesen Gebieten weiter selbst organisieren und aufhören, über Brotkrumen zu verhandeln. Denn Rechte werden nicht gewährt, sondern erkämpft!

Vielleicht wird sich ein Teil der korrumpierten politischen Elite mit der Tatsache zufrieden geben, dass ihre Zeit nun abgelaufen ist und die politische Bühne verlassen. Allerdings werden andere an ihre Stelle treten, die von uns dafür keine Legitimität bekommen haben und sie werden Entscheidungen in unserem Namen fällen. Ihre Interessen sind nicht unsere Interessen, und das zeigen sie uns tagtäglich mit unzähligen Beispielen von Vetternwirtschaft und Korruption sowie Reformen und Gesetzen gegen die kapitalistische Krise, die uns weiter an den gesellschaftlichen Rand und darüber hinaus drängen. Deswegen müssen alle abtreten, vom ersten bis zum letzten. Es wäre naiv daran zu glauben, dass es irgendwo saubere und unverdorbene Menschen gibt, und wir ihnen bei den Wahlen nur unsere Stimme geben müssten, damit sie uns, da sie ja das Beste für uns wollen, aus der Krise retten. Das politisch-ökonomische System mit seiner Autorität und Hierarchie macht ein Leben unmöglich, dass in Einklang mit unseren Wünschen und Bedürfnissen steht und uns nicht zu entfremdeten Wesen macht. Solange der Kapitalismus existiert, in dem eine Minderheit über die Mehrheit herrscht und sie ökonomisch und sozial am Boden hält, wird unser Leben leer bleiben. Wenn wir uns nicht erheben und uns für die Alternative entscheiden, wird es immer jemand geben, der über uns herrschen wird: der Patriarch in der Familie, die Dekan*innen und die Studentenvertreter*innen an den Fakultäten, die Vorgesetzten auf dem Arbeitsplatz und die Politiker*innen in der Regierung. Die verlogene Demokratie, die sie uns regelmäßig bei Wahlen feilbieten, ist nicht die einzige Möglichkeit gesellschaftliches Leben zu organisieren.

Organisieren wir uns dort, wo wir arbeiten, leben und studieren

Damit der Aufstand und seine Forderungen eine reale gesellschaftliche Macht hervorbringen kann, ist Selbstorganisation notwendig. Wenn wir von Organisation des Aufstandes sprechen, denken wir selbstverständlich an die Form der Organisierung, die eine andere sein wird, als die uns bisher bekannten Formen der gesellschaftlichen und politischen Organisierung. Wir müssen uns von unten her organisieren, ohne Hierarchie oder irgendwelche Anführer*innen, und überall dort, wo man uns ausbeutet und unterdrückt: in unseren Kiezen, am Arbeitsplatz, in den Bildungsinstitutionen. Die Bauern und Bäuerinnen sollten sich zu Genossenschaften zusammenschließen, und die Genossenschaften sollten sich mit städtischen Strukturen zusammenschließen. Eine spontane und kreative Selbstorganisation entwickelt die freiheitlichsten Verhältnisse und erzeugt Strukturen, welche dem Einzelnen volle Partizipation ermöglichen. Ihr folgen die Prinzipien der direkten Demokratie, der gegenseitigen Solidarität, des Antifaschismus und der Abwesenheit von Autorität.

Als Methode einer derartigen Organisierung empfehlen wir zu Beginn die Institution einer direktdemokratischen Versammlung, wie sie in den letzten Jahren während den Aufständen weltweit praktiziert wurde. Wir können uns lokal organisieren, in kleineren Gruppen, um dann gemeinsam unsere zu Zukunft gestalten. Dabei erkennen wir unsere Bedürfnisse sowie die Bedürfnisse der einzelnen Lebensräume, Städte und Dörfer. Gleichzeitig können wir gemeinsam unsere Vorschläge formulieren, unsere Potentiale entdecken und sie in großem Maßstab gleichfalls verwirklichen. So werden wir die Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit wiederherstellen. So werden wir die Einigkeit herstellen, in der allen alles zugänglich ist und wo für diejenigen, die Herrschaft wollen, nichts mehr da ist.

Daher empfehlen wir als weitere Schritte des Aufstandes eine Vernetzung der Versammlungen und die Gründung eines Organs für den bisher zerstreuten und sich in Entwicklung befindlichen Aufstand. Wir schlagen vor, dass wir uns auf Grundlage unserer gemeinsamen Interessen zusammenfinden in einer Front aus Gruppen und Einzelpersonen. Diese Front würde keine ideologischen Grenzen kennen, sie wäre inklusiv und wäre begründet in unseren gemeinsamen Forderungen. Die Front wäre horizontal organisiert ohne vermittelnde Körperschaften oder Funktionäre. Sie würde sich auf die Autonomie der Gruppen und Einzelpersonen stützen und auf direkt-demokratische Entscheidungen.

Alle Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen, die das alles für eine gute Idee halten, rufen wir dazu auf, sich über die offenen Versammlungen in ihren lokalen Gemeinden zu organisieren. Die Versammlungen bieten uns später die Möglichkeit, uns miteinander zu vernetzen. Holen wir uns gemeinsam unser Leben zurück!

Von den Straßen und Plätzen, 6. Dezember 2012.

FAO:

  • Alternativa obstaja (Alternative bleibt)
  • Anarhistična Fronta Posavje [ AFP ] (Anarchistische Front Posavje)
  • Anarhistična pobuda Ljubljana [ APL ] (Anarchistische Bewegung Ljubljana)
  • Avtonomna skupina Koprive (Anarchistische Gruppe Koprive)
  • Organizirana skupnost anarhistov Zasavje [ OSA ] (Organisierte anarchistische Gruppe Zasavje)
  • Tovarišija anarhistk/ov Maribor [ TAM ] (Anarchistische Genoss*innen Maribor)

Federation for anarchist organizing (FAO), Slovenia
a-federacija.org //// inter@a-federacija.org

policija

policija


CHRONOLOGIE DES AUFSTANDS

  • Maribor, Mittwoch, 21. November, 1.500 Menschen
  • Maribor, Montag, 26. November, 10.000 Menschen, 31 Verhaftete (alle am nächsten Tag entlassen)
  • Ljubljana, Dienstag, 27. November, 1.000 Menschen
  • Jesenice, Mittwoch, 28. November, 200 Menschen
  • Kranj, Donnerstag, 29. November, 1.000 Menschen, 2 Verhaftete
  • Ljubljana, Freitag, 30. November, 10.000 Menschen, 33 Verhaftete, 17 Verletzte
  • Koper, Freitag, 30. November, 300 Menschen
  • Nova Gorica, Freitag 30. November, 800 Menschen
  • Novo mesto, Freitag 30. November, 300 Menschen
  • Velenje, Freitag 30. November, 500 Menschen
  • Ajdovščina, Freitag 30. November, 200 Menschen
  • Trbovlje, Freitag 30. November, 300 Menschen
  • Krško, Samstag, 1. Dezember, 300 Menschen
  • Maribor, Montag, 3. Dezember, 20.000 Menschen, 160 Verhaftete, 38 Verletzte
  • Ljubljana, Moday, 3. Dezember, 6.000 Menschen
  • Celje, Montag, 3. Dezember, 3.000 Menschen, 15 Verhaftete
  • Ptuj, Montag, 3. Dezember, 600 Menschen
  • Ravne na Koroškem, Montag, 3. Dezember, 500 Menschen
  • Trbovlje, Montag, 3. Dezember, 400 Menschen
  • Jesenice, Dienstag, 4. Dezember, 300 Menschen, 41 Verhaftete
  • Brežice, Dienstag, 4. Dezember, 250 Menschen
  • Ljubljana, Mittwoch, 5. Dezember, Studierendenprotest vor der Kunstfakultät, 500 Menschen
  • Ljubljana, Donnerstag, 6. Dezember, Studierendenprotest vor dem Parlament, 4.000 Menschen
  • Koper, Donnerstag, 6. Dezember, 1.000 Menschen, 2 Verhaftete
  • Kranj, Donnerstag, 6. Dezember, 500 Menschen
  • Izola, Donnerstag, 6. Dezember, 50 Menschen
  • Murska Sobota, Freitag, 7. Dezember, 3.000 Menschen
  • Bohinjska Bistrica, Freitag, 7. Dezember, 50 Menschen
  • Ajdovščina, Freitag, 7. Dezember, 150 Menschen
  • Ljubljana, Freitag, 7. Dezember 3.000 Menschen
  • Nova Gorica, Samstag, 8. Dezember, 300 Menschen
  • Brežice, Sonntag, 9.Dezember 200 Menschen
  • Ljubljana, Montag, 10. Dezember, 100 Menschen
  • Maribor, Montag, 10. Dezember, 200 Menschen (Solidaritätsprotest für die Inhaftierten)
  • Ptuj, Montag, 10. Dezember, 200 Menschen
  • Ljubljana, Donnerstag, 13. Dezember
  • Maribor, Freitag, 14. Dezember
  • SLOWENIEN (in allen Städten), 21. Dezember

Quelle: https://linksunten.indymedia.org/de/node/74848

.Creative Commons license icon Creative Commons license icon
Creative Commons license icon 

Dieser Inhalt ist lizenziert unter einer Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen Creative Commons-Lizenz

Weitere Links: FDA-IFA – Forum deutrschsprachiger Anarchist*innen

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 111 Followern an