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Piraten versuchen Genderdebatte zu verstehen

März 17, 2010 27 Kommentare

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Piraten versuchen Gender zu verstehen, Einige Rechte vorbehalten

Einige Berliner Piraten haben in der taz einen Text zur Genderdebatte veröffentlicht. Hierzu mein Kommentar, insbesondere im Hinblick das Lena Simon offiziell verwarnt wurde von der Berliner Partei:

  1. Im Kasten steht “Der vorliegende Artikel wurde im interaktiven Demokratieverfahren mittels “Liquid Feedback” von den Mitgliedern des Landesverbands Berlin der Piratenpartei unterstützt.”. Dieser Text, erhebt im Gegensatz zu Lenas Initiative durch den Wortlaut den Anspruch für alle Piraten zu sprechen. Doch zum einen macht NUR der Kasten deutlich, dass es maximal um die Berliner Piraten gehen kann, die an dem Text mitgewirkt haben. Also maximal rund 7 % der Piratinnen und Piraten. Und von denen nimmt vielleicht nur ein Bruchteil am Liquid Feedback Teil und an der Textfindung. Unter dem Strich wird hier also mit dem Verweis auf LF und offiziösem Tonfall versucht für alle Piraten eine Parteimeinung auszudrücken. In Wirklichkeit aber ist die Schnittmenge der Initiatoren vielleicht kaum größer, als die Unterstützer Lenas, nur mit dem Unterschied das Lena nie einen Zweifel daran gelassen hat, dass ihre Meinung ihre eigene ist. Die Autoren des Textes jedoch versuchen genau den Eindruck zu erwecken, den man Lena vorgeworfen hat und zu einer Verwarnung geführt hat. Liquid Feedback ist nicht demokratisch und auch nur experimentell im Betrieb. Eine Partei ist daher gehalten nichts, was dabei heraus kommt als Produkt einer innerparteilichen Diskussion zu verkaufen. Denn LF umgeht alle offiziellen Parteigremien. In ihrer Begeisterung für alles Neue vergessen die Piraten hier den Wert echter Demokratie. Hier wäre eine FETTE Verwarnung fällig, wenn nicht gar ein Parteiausschluß. Insbesondere durch die Relation der Verwarnung von Lena.
  2. Inhaltlich gibts natürlich auch vieles zu bemängeln – ich greife mir mal einiges heraus:

Es fängt schon gut an, mit dem ersten Absatz:

Für die Gleichberechtigung: Wir wollen Individuen nicht in Geschlechterkategorien einsortieren. Und wir wissen, dass die meisten Piraten das auch so sehen.

Übersetzung: Nur WIR wissen, wie Piraten wirklich denken. Eine Grundlage für diese Einsicht wird nicht geliefert. Ich bezweifle das einfach mal. Insbesondere, das DIESE Piraten hier weniger in Geschlechterkategorien einsortieren als z.B. die Piratinnen. Mit “Aber wir sind die Guten” kommt ihr nicht weit!

Das ausdrückliche Bekenntnis zur Gleichberechtigung ist markant in der Satzung der Piratenpartei festgeschrieben.

Nicht eingegangen wird dabei darauf, dass Frauen in der Satzung ausgeklammert werden. Jaja ich weiss – wenn Pirat gesagt wird, meint man immer die Frau mit. Das kennen wir aus den 50ern. Wirklich progressiv. Ein Ammenmärchen!

Viele herkömmliche Instrumente beteiligen sich jedoch – gewollt oder ungewollt – gerade an der  Konstruktion von Geschlecht als Einordnungsmechanismus. Solche Instrumente betrachten wir äußerst kritisch.

Solche Instrumente sind z.B. Sprache – die behauptet männlicher Plural beinhalte immer auch weibliche Teilmengen. Hier hört aber der kritische Geist mancher Piraten auf. Oft wird dann hier auf konservativ umgeschwenkt nach dem Motto “Sprache war immer so”. Was denn nun, seid ihr kritisch oder konservativ was Instrumente und Konstruktionen angeht?

Dabei leugnen wir keinesfalls bestehende Geschlechterkonstruktionen. Wir versuchen aber, uns möglichst nicht selbst an ihrer fortwährenden Rekonstruktion zu beteiligen. Denn erst, wenn Individuen als Individuen und nicht mehr als Repräsentanten von Gruppen – z.B. “Frauen” oder “Männer” – behandelt werden, ist Sexismus nachhaltig der Boden entzogen und der Weg zu einem selbst bestimmten Pluralismus geebnet.

Aha. Begründet durch WAS, bitte? Frauen werden als Frauen sozialisiert. D.h. sie haben dies internalisiert als soziale Rolle und werden auch von außen damit konfrontiert. Man muss mit diesen Rollenbildern umgehen. Kaum eine andere Partei beteiligt sich so aktiv an der Rekonstruktion von althergebrachten Rollenbildern und kaum irgendwo sonst erlebe ich so viel Vorurteile gegenüber Frauen. Dies drückt sich auch direkt in einer geringen Frauenquote bei den Piraten aus. Ein Faktum, über das die Feminismus-Gegener immer wieder gerne hinwegdiskutieren. Am besten sind Begründungen wie “Frauen interessieren sich halt nicht für Politik”.

Zu Genderthemen geschieht dies zum Beispiel in der AG Gender, der AG Frauen, der AG Männer, der AG Queeraten oder der AG Gleichberechtigung in der Gesellschaft.

Ich denke da kenne ich mich bessere in der Piratenpartei aus, als die Berliner Piraten: Die AG Gender und die AG Gleichberechigung sind identisch aber tot. Man hat ihnen ein eigenes Forum verweigert. Wohingegen die Feminismusgegner sich die AG 2G geschaffen hatten, die sofort ein eigenes Forum erhielt. Sorry, aber Piraten die sich nicht auskennen bei den eigenen AGs kann ich als Diskussionspartner kaum ernst nehmen. Wisst ihr wenigstens, wie die AG Männer gegründet wurde? Es ist nämlich so, dass ich nicht einfach so von aussen über irgendwas schreibe von dem ich keinen Einblick bekommen hätte. Doch, doch, ich habe da sehr intensiven Einblick in die parteiinterne Demokratie bekommen – und das ist auch der einzige Grund, warum ich schreibe. Wenn alles so toll liefe mit den AGs, wären wir nicht an dem Punkt des Diskurses an dem wir heute sind. Die AG Männer wird hauptsächich dominiert von einer handvoll Männerrechtlern, die die Piraten benutzen wollen, um IHRE Männerthemen durchzubringen. Da muss man dann z.B. wissen, dass sie was das Thema Jungenbenachteiligung angeht bei der AG Bildung abgeprallt sind mit ihrem Männerpathos. Hier hat eine AG auch mal inhaltlich funktioniert. Ist ja nicht so, dass nix zusammengeht bei den Piraten – nur im Bereichen wie Gender oder Außenpolitik ist es peinlich.

Es ist uns wichtig, dass wir als Frauen nicht prinzipiell aufgrund unseres Geschlechts als fragil betrachtet oder in eine Opferrolle gedrängt werden.

Naja, aber man muss die Wirklichkeit auch mal wahrnehmen. Das klingt ja alles ganz toll. Aber es ist auch falsch, dass das Ziel des Feminismus wäre, Frauen zu Opfern zu machen. Ich ziehe da immer gerne Vergleiche zu anderen Gruppen: In dem wir über Rassismus sprechen, machen wir nicht Ausländer zu Opfern und auch in dem wir über Armut sprechen nicht die Hartz-IV-Empfänger. Das Problem ist das SCHWEIGEN, das AUSSITZEN, das LEUGNEN und die ganze Batterie an Gegenpropaganda. Leider habt ihr es nicht geschafft in dem Text die Piratinnen verbal in Schutz zu nehmen bzw die Mord- und Gewaltandrohungen zu verurteilen. Oder auch gegen Lenas Verwarnung/Mobbing. Ihr werft euch da für die Männer in Schale und erwartet jetzt Lob, weil ihr deren Ehre gerettet habt. Dabei vermisse ich aber jegliche Solidarisierung mit den betroffenen Frauen – und insofern habt ihr für mich mit Schuld an dem was passiert ist und passieren wird. Wegschauen wird nichts ändern!

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